Mimik: Zeigt ein Orang-Utan sein Spielgesicht, macht der Partner es nach

Dieses Lächeln steckt an . . .

Menschenaffen besitzen diese besondere Fähigkeit der visuellen Kommunikation - doch erst die sekundengenaue Auswertung von Videobildern machte den Nachweis möglich.

Gähnen steckt an, Lächeln auch. Diese typisch menschlichen Verhaltensmuster haben zwei Wissenschaftlerinnen der Tierärztlichen Hochschule (TiHo) Hannover jetzt ausführlich bei Orang-Utans dokumentiert. "Im Spiel imitieren diese Menschenaffen die Mimik ihrer Artgenossen innerhalb weniger Sekunden. Bisher wurde der Mechanismus der emotionalen Ansteckung als menschenspezifisch angesehen", erklärt Prof. Elke Zimmermann vom TiHo-Zentrum für Neurowissenschaften im Gespräch mit dem Abendblatt.

Die Primatologin hat die Untersuchung ihrer ehemaligen Doktorandin Marina Davila Ross, die jetzt am Center for the Study of Emotions, University of Porthmouth, arbeitet, betreut. Die Erkenntnisse aus ihrer zweijährigen Studie veröffentlichten die beiden Forscherinnen in der aktuellen Ausgabe des Journals "Biology Letters".

"Zeigt ein Orang-Utan bei der Aufforderung zum Spiel oder während des Spiels ein sogenanntes Spielgesicht, imitiert sein Spielpartner diese Mimik in weniger als einer Sekunde. Diese spontane Nachahmung eines emotionalen Ausdrucks ist eigentlich typisch für menschliches Verhalten. Unsere Analysen zeigen aber, dass diese Anlage bereits bei Menschenaffen ausgebildet ist. Sie besitzen eine ausgeprägte Fähigkeit zur visuellen Kommunikation", erläutert Prof. Elke Zimmermann und fügt hinzu: Wissenschaftler hätten erwartet, dass Primaten zu diesem Verhalten fähig sind. Doch erst die moderne Videotechnik, die die Analyse von Einzelbildern und eine sekundengenaue Auswertung erlaubt, habe den Beweis erbracht. "Bis zu unserer Entdeckung gab es keine Hinweise darauf, dass das spontane Kopieren von Gesichtern einen biologischen Ursprung hat."

Bei Menschen sind diese sogenannten Resonanzphänomene gut untersucht. Gefühle, Stimmungen, ja sogar Körperhaltungen stecken an. "Wie bei einer seltsamen Infektionskrankheit kann eine Person in anderen Personen spontan und unwillkürlich emotionale Reaktionen auslösen", so der Freiburger Mediziner Prof. Joachim Bauer, Autor des Buches "Warum ich fühle, was du fühlst". Und mit der Entdeckung der Spiegelneurone im menschlichen Gehirn vor gut zwölf Jahren konnte erstmals erklärt werden, wie das Gehirn diese Leistung vollbringt.

"Es ist denkbar, und vieles spricht auch dafür, dass diese Neurone auch im Gehirn von Orang-Utans aktiv sind. Doch wir haben uns im Rahmen unserer Studie nur auf das Beobachten der Tiere konzentriert", sagt Zimmermann. Die Forscherinnen untersuchten konkret das Spielverhalten von 25 roten Affen, wie die Orang-Utans auch genannt werden. Sie filmten die zwischen zwei bis zwölf Jahren alten Waldmenschen im Orang-Utan-Rehabilitationszentrum Sepilok (Malaysia) und in mehreren deutschen Zoos, beispielsweise in Stuttgart und Leipzig. "Wir haben noch gar nicht alle Daten ausgewertet", verrät die Forscherin, die von der Menschlichkeit der Orang-Utans begeistert ist.

Unklar ist, ob die emotionale Ansteckung angeboren oder erlernt ist. "Es ist allerdings anzunehmen, dass es eine angeborene Eigenschaft ist, die Tiere können sie kaum erlernt haben", sagt Zimmermann. Auch Menschenbabys beherrschen diese Kunst von Geburt an. Doch wenn sie auf ihr Lächeln keine Antwort erhalten, verlernen sie diese Fähigkeit allerdings wieder. Das scheint bei den Orang-Utans anders zu sein, auch wenn einige Tiere sich nicht "infizieren" ließen.

Britische und japanische Forscher hatten zuvor gezeigt, dass sich auch Schimpansen und Stummelschwanzmakaken von Gähnen anstecken lassen. Sie werteten die Beobachtung als weiteren Beleg für die Annahme, dass Schimpansen und vermutlich auch andere Menschenaffen sowohl Einfühlungsvermögen als auch ein ausgeprägtes Ich-Bewusstsein besitzen.

Von Studien am Menschen wissen die Forscher, dass der Mechanismus der emotionalen Ansteckung Voraussetzung dafür ist, dass Menschen die Gefühle anderer verstehen, sich in sie hineinversetzen und Mitgefühl entwickeln können.

Die Orang-Utans, die zu unseren nächsten Verwandten im Tierreich zählen, sind uns eben nicht nur genetisch ähnlich - sie ähneln uns auch in ihrer ausdrucksvollen Kommunikation.

Informationen im Internet: http://journals.royalsociety.org/content/ lxv587332871j3g7