Ein Chip hilft Blinden beim Suchen

Funktechnik: Blinder Entwickler konstruierte Hilfe für den Alltag. Die Findemaschine "Tag it" wurde zum Patent angemeldet. Gegenstände werden mit RFID-Chips beklebt und in einer Datenbank verwaltet. Das Suchgerät sendet Signale aus - und Funkchips antworten "Hier bin ich".

Als Hansjörg Lienert sieben Jahre alt war, erkrankte er an einem Augenleiden, das seine Sehfähigkeit immer mehr beeinträchtigte. Heute, mit Mitte 40, kann Lienert fast nichts mehr sehen. Doch schon seit Jahren widmet sich der Marburger der Entwicklung von Hilfsmitteln für Blinde. Seine jüngste Entwicklung, deren Patentanmeldung gerade läuft, ist "Tag it", ein neuartiges System, das erblindeten Menschen hilft, jeden beliebigen in Büro, Haus oder Wohnung abgelegten oder aufbewahrten Gegenstand schnell, leicht und ohne fremde Hilfe aufzufinden. Das Verfahren ist so ausgereift, daß der Blinde selbst unterschiedliche Medikamentenpackungen finden, identifizieren und sich deren Beipackzettel vorlesen lassen kann. Voraussetzung ist lediglich, daß ein sehender Helfer diese Informationen ein einziges Mal irgendwann zuvor in eine Datenbank eingelesen hat.

Lienert: "Ich war es leid, beim Anziehen immer jemanden aus der Familie fragen zu müssen: Welche Farbe hat die Jacke? Welche die Schuhe? Oder mir eine bestimmte CD herauszusuchen oder ein Aktenstück . . . Mit ,Tag it' kann ich das jetzt selber." Wie das geht? "Mit modernster RFID-Technik (Radio Frequency Identification) haben wir das Problem angepackt und äußerst zufriedenstellend gelöst", sagt Lienert.

"Tag it" heißt auf Englisch soviel wie "Markiere es". Dieses Markieren eines Gegenstandes erfolgt mit Hilfe eines sogenannten Funketiketts. Funketiketten gibt es in mehreren Größen und Ausführungen, für "Tag it" sind sie nicht größer als eine Briefmarke. Sie sind selbstklebend und werden bei Bedarf von einer Rolle abgezogen. Sie sind waschmaschinenfest und können deshalb auch in Hemden, Unterwäsche oder ähnlichem angebracht werden.

Jedes Funketikett enthält einen Elektronik-Chip, der es zu einem sogenannten Transponder macht. Das heißt: das Funketikett benötigt keine eigene Energiequelle, wie etwa eine Batterie, um ein Signal auszustrahlen. Es ist passiv. Erst wenn es vom Funksignal des Suchgeräts getroffen wird, wirft es das Signal wie ein Echo zurück, um sich zu melden. Ein solches Etikett kostet zur Zeit 50 Cent, die Massenproduktion wird den Preis senken.

Soll ein Gegenstand markiert werden, wird das Etikett darauf geklebt. Dann wird der Gegenstand, etwa eine Musik-CD, vom Blinden oder von einem Sehenden benannt. "Tschaikowsky, 5. Symphonie". Diese gesprochene Information wird via Mikrofon über ein Stimmerkennungsprogramm zusammen mit dem Code des jeweiligen Funketiketts in einer Datenbank des PC gespeichert. Und so läuft dann die Suche ab: Das Suchgerät ist über Kabel oder Funk mit dem Heimcomputer verbunden. Sobald der Blinde einen Knopf am Suchgerät betätigt, verbreitet dieses ein elektromagnetisches Feld. Dann sagt der Blinde ähnlich wie zu einem Spürhund: "Suche Mundharmonika" und tastet nun mit dem Suchgerät einen Raum, einen Tisch oder ein Regal ab, in dem er die Mundharmonika vermutet. Sobald die Mundharmonika in Reichweite des Suchsignals gerät, wird ihr Funketikett mit dem Strom des Suchsignals versorgt und schickt als Echo seine Codenummer zurück. Also eine Art "Hier bin ich"-Meldung.

Umgekehrt kann der Blinde aber auch markierte Gegenstände vor das Suchgerät halten, zum Beispiel zuvor markierte Schlüssel, Lebensmittelpackungen oder Medikamente . "Tag it" registriert die jeweiligen Codes, greift auf die Datenbank zurück und sagt dann wahlweise mit synthetischer Computerstimme oder in natürlicher Sprache, um welchen Gegenstand es sich handelt.

Lienert: ",Tag it' hilft, Dinge zu finden, auch wenn diese von anderen Personen an einem anderen Ort abgelegt wurden und der Blinde selber nichts davon weiß. Mit ,Tag it' kann der Blinde eine gute von einer nicht mehr so guten Hose unterscheiden. ,Tag it' warnt, sollte der Blinde versuchen ein Kleidungsstück, das nur mit 40-Grad-Buntwäsche hell gewaschen werden darf, mit 60-Grad-Buntwäsche dunkel zu waschen. Auch in Ordnern abgelegte Aktenstücke lassen sich mit ,Tag it' finden und natürlich jede gewünschte Sprechkassette oder jedes Buch aus der Blindenschrift-Bibliothek."

Der Blinde Hansjörg Lienert hat sich mit seiner Firma "Dräger und Lienert" inzwischen selbständig gemacht: Das Such- und Finde-System bietet er etwa als Ausführung für Arbeitsplätze in Büros und als kleine Variante für die private Nutzung an. Lienert berichtet von einer Plattenfirma, in der ein blinder Mitarbeiter mit Hilfe von "Tag it" Musikredakteure mit gewünschten CD-Platten beliefert. Bei einem anderen Unternehmen ist ein fast blinder Techniker in der Lage, mit Hilfe der Funkchips Software und Hardware von und für Computer zu verwalten.

Das System kostet für Arbeitsplatzausstattungen ca. 4000 Euro und wird vielfach mit behördlichen Zuschüssen finanziert, um Blinden einen Arbeitsplatz zu verschaffen. Ein Gerät für den persönlichen Gebrauch kostet etwa die Hälfte - und das ist weit weniger als etwa der Preis eines Elektrowagens für Gehbehinderte. Die Kostenübernahme können Blinde bei ihrer Krankenkasse beantragen.

Die Entwicklung in Hamburg:

Der Blinden- und Sehbehindertenverein Hamburg veranstaltet am Sonnabend von 10 bis 17 Uhr eine Hilfsmittelausstellung "Trends und Technik für zu Hause", Louis-Braille-Center, Holsteinischer Kamp 26, Eintritt kostenlos.