Kostbarer als Gold - die Farben der Alten Meister

Geheimrezepte: Ein Chemiker im Allgäu hat entschlüsselt, womit Rembrandt und andere malten. In seiner alten Mühle mixt Georg Kremer Farben, wie es schon vor Jahrhunderten geschah. Künstler und Restauratoren aus der ganzen Welt kaufen bei ihm. Zum Beispiel Purpur für 2000 Euro je Gramm.

Aichstetten/Allgäu. Rembrandts Nachtwache, da Vincis Mona Lisa, Vermeers Milchmädchen - auf den Gemälden Alter Meister entfalten Naturfarben auch heute noch ihre faszinierende Leuchtkraft. Doch die Geheimrezepturen von Dürer, Cranach und Co. sind in Vergessenheit geraten. Keine Chemiefabrik der Welt stellt die legendären Farben mehr her - nur eine kleine Mühle im Allgäu. Hier herrscht Georg Kremer (57) über das Reich der verlorenen Farben. Der promovierte Chemiker entlockt der Natur die historischen Pigmente Alter Meister: Lapislazuli-Blau, kostbarer als Gold, und sündhaft teuren Purpur, das Gramm zu 2000 Euro! Seine Kunden: Tausende Restauratoren, Künstler und fast alle berühmten Museen rund um den Erdball.

Drachenblut und Elfenbeinschwarz, Galläpfel und Tintenstein. Dazu Diamantpulver und Ochsengalle, Goldrutenkraut und Grüne Erde, arsenhaltiges Realgar, getrocknete Farbläuse - und ein Extrakt aus Purpurschnecken, für zwei Millionen Euro das Kilo. Mischt sich so das Sortiment eines Magiers?

Pulverisiert und in durchsichtigen Plastikdöschen stehen die skurrilen Stoffe auf Regalen Spalier, Ingredienzen aus Edelsteinen, Gesteinsbrocken, Glas, Pflanzen und Tieren. Tierknochen sieden in Kesseln. Blauschimmernder Lapislazuli zerfällt in Backenbrechern zu Staub. Schössen jetzt noch giftige Schwefeldämpfe fauchend aus unzähligen Rissen und Löchern, wäre die Alchemisten-Küche perfekt. In der Höllenglut von 1200 Grad Celsius verschmelzen Quarzsand und Kobalterz zu einem blauen Glaskuchen: Smalte, ein uraltes Pigment, das schon Pharaonensärge schmückte. Das Geheimrezept hütet ein Safe. "Wir verraten Ihnen gerne, daß wir aus Kobalt und Glasversatz Smalte machen. Wir verraten aber nicht, mit welchem prozentualen Einsatz von Natriumcarbonat", sagt der Herr der Farben: Georg Kremer, ein grauhaariger, wortkarger Mann mit traurig wirkendem Blick hinter randloser Brille, Doktor der analytischen Chemie und kein Magier. "Chemie ist die Wissenschaft von der Stoffwandlung."

Aichstetten, ein abseits gelegener, idyllischer Weiler im Allgäu, beileibe nicht das Zentrum der Welt, aber das Weltzentrum historischer Pigmente, mit denen schon Michelangelo, Monet und van Gogh malten. Angetrieben von der Aitrach, einem Nebenflüßchen der Iller, knirscht hier eine ehemalige Getreidemühle aus dem 18. Jahrhundert für die Kunst. Sie ist das Herz eines florierenden mittelständischen Unternehmens, weltweit konkurrenzlos, mit Millionenumsätzen, 30 Mitarbeitern und Dependancen in New York, Stuttgart, München und Krakau.

Ohne Georg Kremer wäre die Welt um einiges farbloser. Ob Ägyptisch Blau, im Altertum die Farbe der Götter, oder das Zinnoberrot von Grünewalds "Isenheimer Altar" - viele der verschollenen Pigmente hat der Chemiker wiederentdeckt: Das klare Blau von Vermeer oder van Eyck, das tiefe Sienabraun Rembrandts. Werke berühmter Meister, von Rubens bis Raffael, könnten ohne die historischen Stoffe kaum noch restauriert werden.

Unzählige Kunstschätze von Weltrang in Museen, Schlössern, Kirchen und Klöstern wären längst verblaßt, würde die Farbmühle im Allgäu nicht klappern: Michelangelos David und die Fresken des San Marco in Venedig, der Altar von Gent und die Steinskulpturen des Freiburger Münsters, selbst Stradivaris und Guarneris kostbare Violinen, Violen und Celli, die im Museum zu Cremona hinter Panzerglas glänzen. Ihren edlen Klang schreiben Fachleute unter anderem einem besonderen Lack zu. Kremer entwickelte eine Grundierung, die genau der Mischung entspricht, die vor 300 Jahren die italienischen Instrumentenbauer benutzt haben.

Mit einem halben Gramm Smalte für eine Kirchendecke in London fing alles an. Vor etwa 30 Jahren suchte ein befreundeter Restaurator nach der blauen Farbe, die es seit 1910 im Handel nicht mehr gab. Kremer, damals in Tübingen am Ende seines Chemiestudiums, forschte in seiner kleinen Experimentierstube nach dem Pigment. Ihm gelang die Rekonstruktion; er stieß in eine Marktnische. 1977 gründete er sein eigenes Unternehmen. Heute tupfen mehr als 100 000 Kunden ihre Pinsel in jene Farben, die schon die Genies vergangener Jahrhunderte angerührt haben. Jeder Künstler in Paris, London, New York, Tokio, Berlin oder anderswo, der etwas auf sich hält, kennt Kremer. Über seine Kunden, ihre Einkäufe und Rezepturen hüllt sich der Schwabe in Schweigen. Seine Firma gibt sich diskret wie ein Kosmetiksalon in Hollywood: "Die Wahrscheinlichkeit, daß eine Kunstakademie, ein Denkmalamt oder ein Museum irgendwo auf der Welt unsere Farben verarbeitet, liegt bei mehr als 60 Prozent."

Kremers Kunden rechnen nicht in Farbe pro Quadratmeter. Ihr Maßstab ist die Schönheit. Wo sich einst Weizen- und Roggensäcke stapelten, erquicken Mineralien in unzähligen Farbtönen das Auge: Roter Zinnober aus China, glimmerndes Bleizinngelb, smaragdgrüner Malachit, gelbes und rotes französisches Ocker aus Burgund, grüne Erde aus den Bergen bei Verona, roter Jaspis, türkische Krappwurzeln, aus denen Kremer den Saft für das Karminrot herstellt. Alles wartet in Kunststofftonnen auf seine Verwendung. Gerade ist Lapislazuli aus Afghanistan eingetroffen. Dicht an dicht stehen die vollgepackten Säcke in der Farbmühle. Aus einem Kilo des Halbedelsteins entstehen gerade mal 20 Gramm Pigment - das reinste und kostbarste Blau der Welt, 15.600 Euro das Kilo. Seine Leuchtkraft schätzten schon Mondrian, van Ruysdael und van Gogh. In der Renaissance wurde die nicht für jeden erschwingliche Farbe mit Edelmetall aufgewogen. Leonardo da Vinci belegte seine "Felsengrottenmadonna" nur mit einer hauchdünnen Lasur aus Lapislazuli. Dürer murrte über den hohen Preis und löste 30 Gramm des himmlischen Blaus mit 42 Gramm Gold ein.

Kremer ist weltweit der einzige, der das reine, echte Lapislazuli ultramarinum (ultra mare = jenseits des Meeres) herstellt. Für ein einziges Kilo mühen sich drei Laboranten länger als einen Monat ab. Sie zerschlagen und mörsern zunächst das wertvolle Rohmaterial, zermahlen es zu Pulver und sieben es. Danach ruht der mit einer geheimen Mischung aus Ölen, Wachsen und Harzen angesetzte Staubbrei für mindestens 48 Stunden, bevor die Männer ihn in Leinensäckchen durchkneten und mit lauwarmem Wasser auswaschen. Der übriggebliebene, intensive blaue Bodensatz wird in einer Schale getrocknet, durch ein Haarsieb gestrichen, in kleine Plastikdöschen verfüllt und schließlich in alle Welt verschickt.

Einem italienischen Kunden Kremers ergeht es derzeit wie weiland den irischen Mönchen im Mittelalter, die halbe Ewigkeiten auf das kostbare Lapislazuli-Blau aus dem Orient warten mußten. Der Künstler sprengte die Kapazitäten der Farbmühle, weil er innerhalb eines Jahres gleich eineinhalb Kilo bestellte. Jetzt kommt das wertvolle Pulver in Raten: "Hundert Gramm pro Monat, mehr ist nicht drin."

Die Entschlüsselung der jahrhundertealten Geheimrezepte ist jedesmal Sisyphosarbeit. Kremer analysiert historische Objekte, wälzt uralte Folianten, durchstöbert Alchemisten-Handbücher und experimentiert im Labor, wie ehemals Luthers Porträtist Lucas Cranach: "Er hatte noch selbst eine Apotheke, wo er die verschiedensten Farben mischte."

Etwa 80 historische Pigmente hat Kremer bis heute rekonstruieren können. Welche Farbe mischt der Meister am liebsten? "Mutter Natur hat viele schöne Töchter." Spitzhacke und Schaufel liegen stets im Kofferraum seines Autos griffbereit. Immer wieder reist der Chef mit Mitarbeiter und Lieferwagen quer durch Europa. An 40 geheimen Fundstätten pro Jahr gräbt er nach den verloren geglaubten Mineralien. Eine oft mühselige Suche mit Hindernissen: Ganze sieben Jahre lang forschte Kremer nach einem bestimmten Violett-Ton für die Deckengemälde der Schweizer Benediktinerabtei Maria Einsiedel, ehe er in den französischen Seealpen auf exakt diesen Farbton stieß. "Er ist einzigartig und läßt sich nicht künstlich erzeugen."

Naturfarben leuchten unter dem Mikroskop wie Sternenhimmel aus zahllosen kleinen Kristallen: "Sie reflektieren stärker an der Oberfläche und bringen so die Farbe zum Strahlen." Im Gegensatz zu künstlichen Farben sind Naturpigmente wesentlich lichtbeständiger. Industriefarben seien wunderbar geeignet für Druckertinte und Lackierarbeiten im Autowerk, aber nicht für Gemälde, sagt Kremer. "Nur reines Material erzeugt Brillanz und Lebendigkeit."

Fast alle Pigmente werden in aufwendiger Handarbeit gewonnen. Der Drüsensaft von 8000 Purpurschnecken gibt gerade mal ein Gramm Purpur her. Heute wird die Farbe mit dem "mythologischen Charakter" höchstens noch zur Restaurierung von frühmittelalterlichen Miniaturmalereien verwendet. Das begehrteste Pigment aller Zeiten ist ergiebig: "Ein Gramm reicht für etwa einen Quadratmeter."

Derzeit sucht Kremer fieberhaft nach der Kermeslaus. Mit dem Saft des Tierchens färbten Ägypter, Griechen und Römer Seide, Wolle und Leder in einem herrlichen Rot. Bislang fand der Chemiker am Mittelmeer nur einige wenige, und dann auch noch ausgerechnet untaugliche männliche Exemplare. Aber das Karmin ließe sich nur aus dem Saft der weiblichen Tierchen gewinnen: "Wir haben jetzt jemanden beauftragt, uns zwei Kilo getrockneter Läuse zu schicken." Bislang kam nichts an. Auch die Suche nach dem legendären Russisch Grün, mit dem Albrecht Dürer seine Stiche kolorierte, blieb erfolglos. In kleinen Mengen gibt es das Chromsilikat durchaus noch, weiß Kremer: "Es wird im Ural abgebaut." Doch bis heute gelangte kein einziger Brocken nach Aichstetten: "Das ist ein mafioses Problem."

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