Albtraum Monsterwellen - es gibt sie . . .

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Uwe Gepp, Angelika Hillmer

Meeresforscher aus Geesthacht haben mit Radar-Daten aus dem Weltraum den Albtraum der Seefahrt untersucht - bis zu 30 Meter hohe Wellen. Das beunruhigende Ergebnis: Es gibt die Kaventsmänner öfter als gedacht

Geesthacht. "Eine einzige riesige Wasserwand." Ronald Warwick, heute Kapitän der "Queen Mary 2", traf im September 1995 mit seinem damaligen Kreuzfahrtschiff "Queen Elizabeth 2" im Nordatlantik auf eine der so genannten Monsterwellen, die sich Augenzeugenberichten zufolge bis zu 35 Meter hoch auftürmen können. Mehr als 200 Großschiffe gingen in den vergangenen 20 Jahren auf den Weltmeeren unter - die meisten dürften Opfer solcher "Freak Waves" geworden sein, sagt Wolfgang Rosenthal vom GKSS Forschungszentrum in Geesthacht.

Rosenthal, Abteilungsleiter im GKSS-Institut für Küstenforschung, koordinierte ein im Dezember 2003 abgeschlossenes EU-Projekt zu dem Phänomen, das noch vor zwei Jahrzehnten meist als Seemannsgarn abgetan wurde. Die Forschungsergebnisse wurden jetzt veröffentlicht.

Die Auswertung von Radar-Daten, die von Weltraum-Satelliten der Europäischen Weltraumagentur ESA in Paris stammen, brachte eine für die Schifffahrt beunruhigende Erkenntnis: Monsterwellen gibt es offenbar sehr viel häufiger als bislang angenommen. In einem Zeitraum von nur drei Wochen im Frühjahr 2001 erfassten die Satelliten nicht weniger als zehn Wellen von mehr als 25 Meter Höhe. "Die Häufigkeit hat auch uns überrascht", sagt der Geesthachter Forscher Wolfgang Rosenthal.

Damals wurden im Südatlantik binnen einer Woche gleich zwei Kreuzfahrtschiffe beinahe Opfer von Monsterwellen. Diese zerschlugen beim deutschen Kreuzfahrtschiff "Bremen" und der britischen "Caledonian Star" die Fenster der Kommandobrücken, die 30 Meter über der Meeresoberfläche liegen. Die "Bremen" trieb antriebslos und ohne Navigationssysteme auf offener See. Auch den Untergang der "München" bei den Azoren im Jahr 1978, des damals modernsten Containerschiffes der Reederei Hapag-Lloyd, schreibt Rosenthal Riesenwellen zu.

Wellenungetüme treten nicht nur im offenen Ozean auf, sondern auch in Nord- und sogar in der Ostsee. Rosenthal: "In die Nordsee dringen sie von Norden ein. Am Neujahrstag 1995 kenterte der Seenotkreuzer ,Alfried Krupp' durch, zwei Männer verloren ihr Leben. Dabei ist das 27 Meter lange Schiff extra für Einsätze bei schwerem Wetter konstruiert. Aus der Ostsee berichtete mir ein Lotse von einem Schiff, auf dessen Brücke die Scheiben von Wellen zerschlagen wurden."

Hinweise auf Riesenwellen finden sich schon in Homers Odyssee, sagt der Meeresforscher. Doch erst in jüngster Zeit wurde ihre Existenz dank zahlreicher Messstationen und Satellitenbeobachtung wissenschaftlich nachgewiesen. So zeichnete ein Laser, der auf der Nordsee-Bohrinsel "Draupner" die Entfernung zur Wasseroberfläche misst, am 1. Januar 1995 eine 26 Meter hohe Welle auf - am Unglückstag des Seenotkreuzers "Alfried Krupp".

Die Auswertung der ESA-Radar-Daten habe sogar "Freak Waves" - Kaventsmänner von bis zu 30 Metern nachgewiesen, so Rosenthal. Augenzeugen sprächen von bis zu 35 Metern. "Noch vor 20 Jahren hätte ich gesagt: Das kann nicht stimmen. Aber heute glaube ich ihm das", sagt Rosenthal zu dem Bericht des erfahrenen "Queen Mary 2"-Kapitäns Warwick.

Inzwischen gibt es erste Erklärungen für die Entstehung von "abnormalen individuellen Wellen", wie die Forscher sie nennen. Sie bilden sich besonders häufig dort, wo Wellen auf Meeresströmungen und Wasserwirbel treffen. "Strömungen sind an den Rändern weniger schnell als in der Mitte, die Welle wird dann wie in einer Lupe fokussiert", erklärt der GKSS-Wissenschaftler. Solche Phänomene könnten am Golfstrom im Nordatlantik auftreten oder am Agulhasstrom vor Südafrika, "auch bei relativ gutem Wetter".

Wenn kürzere Wellenkämme von - stets schneller laufenden - langen Wellen eingeholt werden, droht ebenfalls Unheil: Die Wellensysteme können sich so unglücklich überlagern, dass sie sich gigantisch auftürmen. Als weitere Ursache haben den Forscher so genannte "Kreuzseen" ausgemacht - das sind Meeresgebiete, in denen Seegangsysteme aus verschiedenen Himmelsrichtungen aufeinander treffen.

Besonders gefährlich wird es immer dann, wenn ein lang anhaltender Sturm und eine Welle zusammentreffen, die sich zufälligerweise synchron zur Windgeschwindigkeit bewegt. Dann kann sich die Welle immer weiter hochschaukeln. Deshalb ist das Monsterwellenrisiko in den Wintermonaten deutlich höher als in Jahreszeiten, in denen weniger Wind weht.

"Freak Waves" haben übrigens nichts mit den so genannten Tsunamis zu tun, die durch Meeresbeben entstehen. Eine Vorhersage dieser Launen der Natur und damit die Möglichkeit, die Schifffahrt zu warnen, steckt noch in den Kinderschuhen. "Wir versuchen, die Wellen mit Radar zu erfassen und in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Wetterdienst (DWD) ihren Verlauf für Frühwarnsystem zu prognostizieren", sagt Rosenthal. "Aber das ist noch graue Theorie."

Ebenfalls noch im Nebel liegt die Antwort auf die Frage, ob es einen Zusammenhang zwischen dem Klimawandel und der Häufigkeit der Extrem-Wellen gibt. "Das wäre möglich", meint der Forscher. Er hat nun noch mehr Radar-Daten von der ESA erbeten, um die Entwicklung über einen längeren Zeitraum untersuchen zu können. "Die ersten Satellitendaten stammen aus dem Jahr 1991, aber sie sind noch nicht ausgewertet." Derzeit bemüht sich Rosenthal um die Finanzierung neuer Forschungsprojekte, um den Monsterwellen weiter auf die Spur zu kommen.

Doch schon heute müssten Schiffbauer umdenken, warnt Rosenthal. So sollte die Schiffsbrücke so konzipiert werden, dass ihre Fenster nicht als Wellenbrecher dienen, selbst wenn sie sich 30 Meter über dem Wasserspiegel befinden. Die Luken müssten so stark ausgelegt sein, dass sie von "Freak Waves" nicht zerschlagen werden können und das Schiff volllaufen und sinken kann. Denn die wie aus dem Nichts auftauchenden Wasserwände werden trotz Forschung auch noch in Zukunft urplötzlich auftauchen und selbst Großschiffe in große Gefahr bringen.

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