Ein Junge weint nicht" war noch bis vor wenigen Jahrzehnten ein Standardsatz in der Jungen-Erziehung. Die viel beschworenen "Neuen Männer" tun es auch nicht oder nur zu bestimmten - erlaubten - Anlässen. Ein britischer Historiker hat Männertränen in der englischen Geschichte bis zur Gegenwart aufgespürt und seine Erkenntnisse auf der Tagung "Masculinity, Patriarchy and Power" an der University of Southhampton vorgestellt. Sein Ergebnis: Viel hat sich für die Männer nicht getan. Von Situationen tiefer Trauer oder großer Katastrophen einmal abgesehen, dürfen Männer heute nur beim Fußball weinen.
Bernard Capp von der University of Warwick hat Quellen aus der englischen Frühen Neuzeit wie etwa das Tagebuch des königlichen Bediensteten Samuel Pepys (1633-1703) oder literarische Texte im Hinblick auf Männertränen untersucht. Ganz allgemein zeigte sich, dass Weinen als unmännlich galt. Es gab jedoch immer schon Ausnahmen: Ein Gentleman mit guter Bildung durfte - gemäßigt - Tränen vergießen beim Tod eines oder einer teuren Angehörigen. Tränen des Mitleids oder Bedauerns waren jedoch nur "einfachen" Männern wie etwa Bauern gestattet.
Capp zitiert eine Stelle aus dem Werk des heute fast vergessenen Richard Flecknoe (1600-1678), der auf einem Markt in Surrey einen Bauern beobachtet, der seine Lieblingskuh verkaufte. Zum Abschied liebkoste er sie und vergoss ein paar Tränen. Flecknoe schreibt in herablassendem Ton, dass ein solches Verhalten vielleicht für einen Bauern noch in Ordnung sei, für einen Gentleman aber selbstverständlich nicht. Samuel Pepys, dessen Tagebuch soeben neu auf Deutsch erschienen ist, beschreibt, wie er mannhaft seine Tränen zurückhielt, als Karl II. von der vernichtenden Niederlage gegen Cromwell bei der Schlacht von Worcester 1651 berichtete.
Schwerverbrecher, die zum Galgen geführt wurden, weinten auch oft, weiß der britische Historiker. Akzeptabel war dies aber für die Zeitgenossen nur, wenn dies als Zeichen religiöser Inbrunst gelesen werden konnte. Tränen aus Furcht waren für Männer absolut tabu. König Karl I. trug wesentlich zu seinem späteren Bild als Märtyrer-König bei, als er 1649 mit Würde die Hinrichtungsstätte betrat.
In heutiger Zeit ist der Fußball - den einige Soziologen ohnehin für eine neue Religion halten - einer der wenigen Bereiche, in denen Männertränen erlaubt sind. So wurde der englische Fußballspieler Paul Gascoigne zur nationalen Ikone, als er 1990 im WM-Halbfinale in Tränen ausbrach, weil er für das Finale gesperrt war. (Zu dem Finale war es dann nicht mehr gekommen, weil England vorher gegen Deutschland verloren hatte). "Heute bleiben die typischen Bilder von Männlichkeit mit der Kontrolle der Emotionen, die als Weichheit ausgelegt werden könnten, verbunden.
Männliche Personen, die diese Konvention verletzen, werden vielleicht nicht kritisiert, aber ihr Verhalten wird als Ausnahmeverhalten dargestellt", sagt Capp. "Trotz alledem, was wir hören über ,Neue Männer', die sich mit ihren unterdrückten Gefühlen auseinandersetzen: Jeder männliche Prominente, der in der Öffentlichkeit Tränen vergießt, findet sich mit hoher Wahrscheinlichkeit auf dem Titelblatt einer Zeitung oder Zeitschrift wieder."
Informationen im Internet: www.warwick.ac.uk