Athen  . So früh wie nie finden Umweltschützer in Teilen Griechenlands Nester von Meeresschildkröten. Wissenschaftler machen den Klimawandel dafür verantwortlich.

An den Westküsten Griechenlands ist die Unechte Karettschildkröte Jahr für Jahr bei der Eiablage zu beobachten. Nun sind Umweltschützer besorgt: Bereits am 11. Mai hat die auf Meeresschildkröten spezialisierte griechische Organisation Archelon auf der Insel Zakynthos ein Nest der gefährdeten Art entdeckt. Gut eine Woche früher als in den Jahren zuvor und damit ein klares Zeichen für veränderte Umweltbedingungen, mahnt sie.

Zur Eiablage kommen die Weibchen der Unechten Karettschildkröte (Caretta caretta) nachts an Land, zurück an jenen Ort, an dem sie vor über drei Jahrzehnten aus dem Ei geschlüpft sind. Laut der Deutschen Stiftung Meeresschutz erreichen die Tiere erst im Alter von 35 bis 39 Jahren die Geschlechtsreife. Ihre Panzer messen mittlerweile womöglich gut 100 Zentimeter, insgesamt wiegen sie bis zu 110 Kilogramm, manche Exemplare werden noch größer. Mühsam wuchten die Schildkröten ihr Gewicht Dutzende Meter über den Strand, buddeln ein Loch, legen rund 100 Eier ab und schaufeln anschließend mit ihren Flossen Sand über das Nest, bevor sie wieder im Meer verschwinden. Dieses Jahr ist das Schauspiel in Griechenland besonders früh zu bestaunen - glücklich sind Tierschützer darüber nicht.

„Die Überprüfung von Zeitreihendaten aus früheren Jahren bestätigte, dass zum ersten Mal so früh im Mai in der Laganas-Bucht auf Zakynthos ein Nest gefunden wurde“, sagt Aliki Panagopoulou, Forschungskoordinatorin bei Archelon. Nur wenige Tage später registrierten Mitarbeiter der Organisation die ersten Nester an der Westküste der Halbinsel Peloponnes und im Norden Kretas - ebenfalls früher als je zuvor, seit sie Daten aufzeichnen.

„Vor allem Temperaturen spielen eine große Rolle“

„Wissenschaftler haben bereits 2016 prognostiziert, dass sich die Brutzeit wegen des Klimawandels verschieben würde“, sagt Panagopoulou. Meeresschildkröten seien sehr empfindlich, was veränderte Bedingungen angehe. „Vor allem Temperaturen spielen eine große Rolle: Die Tatsache, dass die Brutzeit früher beginnt, deutet darauf hin, dass die Schildkröten sich anpassen, um die sehr hohen Temperaturen im Sommer zu vermeiden.“ Laut dem Europäischen Klimabericht 2023 war die durchschnittliche Oberflächentemperatur der Meere im vergangenen Jahr so hoch wie noch nie seit Beginn der Aufzeichnungen - mancherorts lagen sie bis zu 5,5 Grad über den Durchschnittswerten.

Dass die Schildkröten früher Eier ablegen, sei an sich nicht so schlimm, sagt Panagopoulou. Viel schlimmer seien die Auswirkungen von Wärme auf die Brut: „Höhere Temperaturen im Nest wirken sich auf das Geschlecht des Nachwuchses aus: Es schlüpfen mehr Weibchen, was die Ratio zwischen Männchen und Weibchen verändert und dazu führen kann, dass die gesamte Population in Zukunft noch stärker schrumpft, weil die Weibchen schließlich kaum mehr Männchen zur Fortpflanzung finden.“

Nur eine Handvoll erreichen ein fortpflanzungsfähiges Alter

Ohnehin haben es die kleinen Schildkröten reichlich schwer: Wenn sie schlüpfen, müssen die Winzlinge die weite Strecke über den Strand ins Meer zurücklegen. Fressfeinde lauern, Möwen in der Luft, Raubfische im Wasser. Von 1000 geschlüpften Schildkröten erreiche nur eine Handvoll ein fortpflanzungsfähiges Alter, heißt es bei Archelon.

Und immer wieder müssen Umweltschützer Touristen davon abhalten, Schaden anzurichten. So kann schon das kleinste Geräusch Schaulustiger dazu führen, dass Muttertiere den Nestbau und die Eiablage abbrechen und zurück ins Meer flüchten. Einmal angelegt, müssen die Nester geschützt werden, damit sie nicht zertrampelt oder die Eier von Hunden ausgebuddelt werden. Und auch Tierfreunde, die frisch geschlüpften Schildkröten helfen und sie ins Meer tragen wollen, richten Schaden an: Der anstrengende Weg über den Sand ist notwendig, damit die Jungtiere Kraft entwickeln. Als weitere kritische Faktoren gelten Umweltverschmutzung, Schifffahrt, Wassersport und Fischerei - etwa wenn sich die Tiere in Netzen verfangen.

Die Organisation Archelon, die es seit über 40 Jahren gibt, kann dennoch Erfolge vorweisen, etwa indem sie Brutstellen identifiziert und schützt. „Fast alle Populationen in Griechenland sind mittlerweile stabil oder konnten, etwa auf Kreta, sogar zulegen“, sagt Panagopoulou.