UKE-Gesundheitsstudie

Wenn das Herz aus dem Takt gerät

An Vorhofflimmern leiden in Deutschland etwa 3,2 Prozent der Bevölkerung zwischen 35 und 74

An Vorhofflimmern leiden in Deutschland etwa 3,2 Prozent der Bevölkerung zwischen 35 und 74

Foto: dpa

In einer UKE-Studie werden 45.000 Hamburger auf bisher unbekannte Risikofaktoren für große Volkskrankheiten untersucht.

Hamburg.  Wenn das Herz viel zu schnell und unregelmäßig schlägt, ist eine der häufigsten Ursachen ein Vorhofflimmern. Dabei wird der elektrische Taktgeber des Herzens außer Kraft gesetzt. Kreisende Erregungen führen zu dieser Herzrhythmusstörung, an der in Deutschland etwa 3,2 Prozent der Bevölkerung zwischen 35 und 74 leiden. Doch wer hat ein besonderes Risiko, daran zu erkranken? Gibt es Untersuchungsbefunde, anhand derer sich vorhersagen lässt, dass jemand ein Vorhofflimmern bekommt? Diesen Fragen gehen Forscher am Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) in der Hamburg City Health Studie (HCHS) nach, die jetzt startet und in der 45.000 Einwohner der Hansestadt regelmäßig untersucht werden sollen. Ziel ist, bisher unbekannte Risikofaktoren für Volkskrankheiten zu identifizieren.

„Bei der Aufnahme in die Studie schreiben wir bei allen 45.000 Studienteilnehmern ein Ruhe-EKG. Dadurch bekommen wir einen ersten Eindruck von der elektrischen Aktivität des Herzens“, sagt Privatdozentin Dr. Renate Schnabel, Oberärztin in der Klinik für Allgemeine und Interventionelle Kardiologie am Universitären Herzzentrum (UHZ) des UKE. Zudem wird in den Untersuchungen noch zweimal ein EKG über die Finger abgeleitet. Bei jedem Teilnehmer wird das Herz mit Ul-traschall untersucht und Blut für Labortests entnommen. Außerdem wird in dieser ersten Untersuchung geprüft, wer ein erhöhtes Risiko für Vorhofflimmern hat. „Dieses wird aus den bisher bekannten Risikofaktoren Alter, Übergewicht, Bluthochdruck, vorbestehenden Herz-Kreislauf-Erkrankungen individuell errechnet“, sagt Schnabel.

Personen mit erhöhtem Risiko von mindestens fünf Prozent werden zu weiteren Tests eingeladen. „Zum einen zeichnen wir ein Langzeit-EKG über sieben Tage auf. Außerdem sollen die Probanden mit einem kleinen Gerät über einen Zeitraum von 14 Tagen selbst zweimal täglich ein EKG ableiten“, erklärt Schnabel. Bei diesen Probanden wird auch ein Magnetresonanztomogramm (MRT) vom Herzen angefertigt. „Bei denen mit einem mindestens zehnprozentigen Risiko werden mit einem EKG-Gerät die Herzströme über einen Zeitraum von 30 Tagen aufgezeichnet“, sagt Schnabel.

Das MRT soll vor allem einen bindegewebigen Umbau (Fibrose) in den Herzvorhöfen aufspüren „Dies wird im Moment als Risikofaktor für Vorhofflimmern diskutiert“, sagt Prof. Stephan Willems, Direktor der Klinik für Kardiologie mit dem Schwerpunkt Elektrophysiologie am UHZ.

Die Hoffnung der Wissenschaftler ist es herauszufinden, wie erste Anfänge des Vorhofflimmerns noch frühzeitiger erkannt und behandelt werden können. Das Erkennen ist nicht immer einfach, weil es bei vielen anfallsartig auftritt oder völlig unbemerkt bleibt.

Das Tückische an der Erkrankung: „Auch wenn sie nicht bemerkt wird, ist sie trotzdem mit erhöhtem Schlaganfallrisiko verbunden“, sagt Willems. Das ist eine gefürchtete Folgeerkrankung, eine andere die Herzschwäche. Das Schlaganfallrisiko ist erhöht, weil sich durch das Vorhofflimmern Blutgerinnsel bilden können, die bis ins Gehirn wandern, eine Arterie verstopfen und so einen Schlaganfall auslösen können. „Bei einem Viertel bis einem Fünftel der Patienten mit Vorhofflimmern kommt es zur Herzschwäche, die durch den schnellen Rhythmus und die reduzierte Blutfüllung des Herzens entsteht. Wir glauben, dass man durch Früherkennung die fatalen Komplikationen verhindern kann und vielleicht auch den Übergang vom anfallsartigen zum chronischen Vorhofflimmern, das oft mit einer Herzschwäche verbunden ist“, so Willems.

Im Vordergrund der Therapie steht die Verhinderung eines Schlaganfalls. „Bei allen Patienten, die Vorhofflimmern und Risikofaktoren für einen Schlaganfall haben, wird eine Behandlung mit blutverdünnenden Medikamenten empfohlen“, sagt Willems. Der Herzschlag kann mit Arzneien oder einer Katheterablation wieder in den richtigen Takt gebracht werden. Dabei werden Regionen im Herzvorhof, die die kreisenden elektrischen Erregungen auslösen, verödet. „Mit dieser Methode können wir Patienten helfen, die schwer unter der Erkrankung leiden und Luftnot und Herzrasen haben“, sagt Willems. Bei anfallsartigem Vorhofflimmern liege die Erfolgsrate bei 80 bis 90 Prozent. „Schwieriger wird es bei Patienten, die eine Herzschwäche und durchgehend Vorhofflimmern haben. In diesen Fällen braucht man häufig mehrere Eingriffe. Die Erfolgsrate liegt bei 50 bis 60 Prozent.“

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