Antike Städte wuchsen wie moderne

Bei steigenden Einwohnerzahlen erhöhte sich die Produktivität überproportional

Boulder. Historische Siedlungen sind auf eine vergleichbare Weise gewachsen wie moderne Städte. Darauf deutet eine Analyse von Ausgrabungsergebnissen aus Mexiko hin. Scott Ortman von der Colorado-Universität in Boulder (US-Bundesstaat) und seine Kollegen nutzten dabei eine Theorie, nach der menschliche Siedlungen „soziale Netzwerke, eingebettet im Raum“ sind. Sie berichten darüber im Fachmagazin „Science Advances“.

Die Forscher stützen sich auf Daten, die Archäologen zwischen 1960 und 1975 im Tal von Mexiko gesammelt haben, bevor sich Mexiko-Stadt dort ausbreitete. Aus rund 4000 Ausgrabungsstätten stammen die Angaben zur Größe von Häusern und Monumenten einer Vielzahl von Siedlungen. Die Bevölkerungsdichte wurde aus der Häufigkeit gefundener Tonscherben ermittelt.

Die Siedlungsreste wurden vier Epochen zugerechnet: 1150 vor Christi bis zum Jahr 150 entstanden erste lokale Gemeinwesen. Im klassischen Zeitalter (150 bis 650) dominierte die Stadt Teotihuacan mit etwa 100.000 Einwohnern das Tal von Mexiko politisch und wirtschaftlich. Im toltekischen Zeitalter (650 bis 1200) gab es eine Reihe von kleineren Städten, die miteinander konkurrierten. Tenochtitlán mit rund 200.000 Einwohnern war das Zentrum des Aztekenreiches (1200 bis 1520), als die spanischen Eroberer kamen.

Für alle Städte und Dörfer fanden Ortman und Kollegen die Theorie bestätigt, dass Siedlungen ein Gleichgewicht zwischen den Vorteilen sozialer Beziehungen und dem Aufwand für die Infrastruktur benötigen. Luís Bettencourt, Professor für komplexe Systeme am Santa Fe Institute (US-Bundesstaat New Mexico), hatte diese Theorie anhand sozioökonomischer Daten moderner Städte entwickelt.

In der aktuellen Studie wurden die Voraussagen seiner Theorie überprüft: Mit der Einwohnerzahl steigt demnach der Aufwand für Straßen und andere Infrastruktureinrichtungen unterproportional (etwa um fünf Sechstel). Die Produktivität pro Einwohner wächst überproportional (etwa sieben Sechstel, gemessen an Häusergröße sowie Anzahl und Größe öffentlicher Monumente).

Die Forscher fanden die Steigerungsrate der Produktivität in allen vier Epochen. „Das verstärkt unsere Sichtweise, dass Siedlungen zu allen Zeiten und an allen Orten auf dieselbe Weise funktionieren, indem sie stark wechselwirkende soziale Netzwerke aufweisen“, folgern die Forscher.