Ebola-Epidemie

Vom Hochsicherheits-Labor ins Bauzelt

Völlig unterschätzt: Das Ebola-Virus wurde im Hamburger Tropeninstitut 2013 noch unter „vernachlässigte Krankheiten“ geführt. Hamburger Forscherin Lisa Oestereich war gerade in Afrika

Hamburg. Lisa Oestereich, 28, betreibt seit gut drei Jahren Grundlagenforschung im Hochsicherheitslabor der Virologie am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg. Viren interessieren sie. Wie überfallen sie einen menschlichen Organismus? Wie können sie in nahezu jedes menschliche Organ eindringen und dessen Zellen übernehmen? 2014 wurde aus diesen theoretischen Fragen tödlicher Ernst – Ebola tauchte auf.

Sauerstoffanzug, doppelte Handschuhe, Experimente hinter drei Türen und maximal drei Stunden am Stück: Das ist Standard in einem Hochsicherheitslabor. Aber Lisa Oestereich tauschte diese maximale Sicherheit gegen die Praxis vor Ort – dort, wo Ebola wütet. Für vier Wochen war sie in Westafrika, genauer: in Guéckédou.

In dem guineischen 5000-Einwohner-Örtchen nahe an der Grenze zu Liberia und Sierra Leone untersuchen europäische Wissenschaftler seit März mit einem mobilen Labor Blutproben auf Ebola. Sie arbeiten in einem Zelt, bei mehr als 40 Grad Celsius im Isolieranzug und mit Baufolien als Raumtrenner. „Ich bin kein Arzt und keine Krankenschwester“, sagt Oestereich. Sie könne kranken Menschen nicht direkt helfen, aber als Wissenschaftlerin dennoch ihren Teil beitragen. „Wenn man das in einem Sicherheitslabor gemacht hat, muss man es auch in Afrika machen. Das gehört zusammen.“ So tauschte sie das Hightech-Labor gegen Diagnosen im Zelt, im Akkord.

Von ihren Patienten sah sie in Afrika nur die Blutproben und die Basisinformationen, wie Alter oder Geschlecht. Aber hinter diesen bloßen Daten verbargen sich Schicksale und Biografien. Daran blieben die Gedanken schon einmal hängen, sagt sie. Das nicht einmal einjährige Baby, das infiziert war. Oder die über 100-jährige Urgroßmutter, die nach zwei Wochen geheilt entlassen werden konnte.

Genau deshalb will die in Kassel geborene Wissenschaftlerin auch noch einmal dorthin, selbst, wenn Angst mitschwingt: „Von jedem, der mir erzählt, er würde in einen Ebola-Ausbruch fahren und hat kein Fünkchen Angst, denke ich: Er weiß entweder nicht, was ihn erwartet, oder er ist sehr übermütig.“ Die Straßen seien unvorstellbar schlecht und das Gesundheitssystem völlig zusammengebrochen, sagt Lisa Oestereich. Doch die Zeit dränge noch immer, der Kampf gegen die Ausbreitung des Ebola-Fiebers sei „noch lange nicht zu Ende“. Ihre Familie unterstützt sie bei ihrem Vorhaben, und ihre Freunde verstehen sie.

Etwas hat Lisa Oestereich aus Westafrika mitgebracht: „Eine viel größere Wertschätzung für das, was ich hier habe“, sagt sie. „Man nimmt nicht mehr so vieles als komplett selbstverständlich hin, zum Beispiel fließend warmes Wasser.“ Oder dass Deutschland Geld bereitstellt für die Grundlagenforschung, deren Ergebnisse die Welt so dringend benötigt.

WHO korrigiert Zahlen von Ebola-Toten um 1000 nach unten

Bei dieser Forschung hat die Doktorandin im Hochsicherheitslabor am Hamburger Hafenrand dann auch ein echtes Wow-Erlebnis gehabt: Sie testete das Medikament Favipiravir (das japanische Grippemittel T-705) in einem Maus-Experiment gegen Ebola und gegen das Krim-Kongo-Fieber. Und der Test verlief erfolgreich: Alle Tiere, die bis zum sechsten Tag nach der Infektion mit dem Wirkstoff behandelt wurden, überlebten und entwickelten in der Folge schützende Antikörper. „Es ist schön zu wissen, dass das, was man tut, einen Sinn hat“, sagt Lisa Oestereich.

Abends, wenn sie im Fernsehen die Berichte über Ebola sieht „und mal wieder unterschwellig der Vorwurf kommt, dass es mit Medikamenten oder gar einem Impfstoff nicht schnell genug vorangeht“, dann denkt sie, dass sie und ihre Kollegen zumindest „alles Menschenmögliche getan“ haben. Noch mehr sei „einfach nicht drin“ – zumal die EU erst vor Kurzem Gelder für den Kampf gegen die allzu lange „vernachlässigte Krankheit“ bereitgestellt habe. Immerhin über eine Milliarde Euro. Doch das Wissen über Viren sei generell „immer noch kärglich“ und „in großen Teilen ungeklärt“, sagt die Doktorandin. Leider gelte dies auch für Ebola.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat währenddessen die Zahl der Ebola-Opfer in Westafrika erneut korrigiert. Nachdem die Statistiker der Uno-Organisation am Wochenende für die drei am stärksten betroffenen Länder Liberia, Sierra Leone und Guinea einen Anstieg um mehr als 1000 auf fast 7000 Tote verzeichneten, meldete sie nun doch wieder knapp 6000. Die Zahl von fast 7000 Toten sei zustande gekommen, weil von den Gesundheitsbehörden in Liberia irrtümlich zu viele Fälle gemeldet worden seien, hieß es zur Begründung. Am Sonntag hatte die WHO die höheren Zahlen noch auf eine rückwirkende Erfassung von Ebola-Toten in Liberia zurückgeführt.

Den nun wieder nach unten korrigierten WHO-Zahlen zufolge wurden in Liberia, Sierra Leone und Guinea 16.899 Erkrankungen sowie 5987 Todesfälle registriert. Der Ebola-Ausbruch in Spanien ist am Dienstag von der WHO offiziell für beendet erklärt worden. Dort hatte sich Ende September eine Pflegehelferin bei der Versorgung eines aus Westafrika eingeflogenen Missionars mit dem Virus infiziert. Der Missionar starb, die Helferin überlebte. Die 44-Jährige wurde Anfang November als geheilt aus einem Madrider Krankenhaus entlassen.