Warum Epidemien außer Kontrolle geraten

Das Ebola-Virus wütet, obwohl man es leicht hätte eindämmen können, beklagen Mediziner. Gesundheitsorganisationen seien zu zögerlich gewesen

Berlin. In der ausufernden Ebola-Epidemie in Westafrika sehen viele Experten ein Zeugnis des Versagens der Weltgemeinschaft. Viel zu langsam hätten die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und die Staatengemeinschaft reagiert, kritisiert Peter Piot, Direktor an der London School of Hygiene & Tropical Medicine, im Fachmagazin „Science“. Piot hatte das Virus 1976 mitentdeckt.

Eine Epidemie wie in Westafrika wäre in reicheren Regionen mit ihren besseren Gesundheitssystemen undenkbar. Zwar stehe es um die globale Gesundheit so vielversprechend wie nie zuvor, die regionalen Unterschiede seien aber nach wie vor groß, schreiben zwei US-Experten in „Science“. Am schwierigsten sei die Lage in Afrika südlich der Sahara sowie in Süd- und Südostasien. Ein wichtiger Faktor sei dabei die Bevölkerungsentwicklung, schreiben Jaime Sepúlveda von der University of California und Christopher Murray von der University of Washington. Vor allem in Afrika südlich der Sahara blieben die Geburtenraten hoch – dort lägen aber auch die zehn Länder mit der höchsten Kindersterblichkeit weltweit.

Immens sei das Ungleichgewicht auch bei der Müttersterblichkeit. In den reichen Industrienationen starben demnach 2013 lediglich 2000 Frauen während Schwangerschaft und Geburt – insgesamt waren es mehr als 290.000. Allein in Indien starben rund 72.000 werdende Mütter, in Nigeria 37.000, vielfach nach an sich leicht behandelbaren Komplikationen.

Besonderes Augenmerk müsse auf Probleme gelenkt werden, die sich weit in die Zukunft hinein auswirken, schreiben Sepúlveda und Murray. So sei fast ein Viertel aller Kinder und Jugendlichen in reicheren Ländern übergewichtig oder fettleibig. In ärmeren Ländern sei ihr Anteil seit 1980 von acht auf 13 Prozent gestiegen. Damit drohe sich die Spirale zu immer mehr Herz-Kreislauf-Problemen und Diabetes-Fällen fortzusetzen.

Gleichzeitig bleiben Grundübel wie fehlende Toiletten ein enormes Problem. „Mehr Menschen haben Zugang zu einem Mobiltelefon als zu einfachen sanitären Anlagen“, schreiben Forscher um Deb Niemeier von der University of California . Für sechs der sieben Milliarden Erdenbürger sei ein Handy verfügbar – nur für 4,5 Milliarden aber eine Latrine oder Toilette. 768 Millionen Menschen hätten nicht einmal Zugang zu sauberem Trinkwasser. Die zu 90 Prozent auf sanitäre Mängel zurückgehenden Durchfallerkrankungen töteten weltweit mehr Kinder unter fünf Jahren als Aids, Malaria und Masern zusammen.

Wie verheerend sich fehlende Toiletten und Abwassersysteme auswirken können, hat auch die Cholera-Epidemie in Haiti gezeigt. Nach dem Erdbeben im Januar 2010 von Uno-Helfern eingeschleppt, infizierten die Bakterien in dem zerrütteten Land bisher rund 700.000 Menschen, schreibt „Science“-Autor Sam Kean. 8500 Menschen seien gestorben. Dabei sei Cholera einfach zu vermeiden, indem der Kontakt zu den Ausscheidungen Infizierter verhindert werde.

Ein Problem internationaler Programme sei, dass oft moderne Technik und komplexe Ansätze reicher Länder auf Entwicklungsländer übertragen würden, schreiben die Experten um Niemeier. Das funktioniere vielfach nicht, wie das Beispiel sogenannter PlayPumps zeige. Die Brunnenpumpen mit Karussells, an denen Kinder spielen können, wurden in Afrika installiert – mit mäßigem Erfolg. Die Menschen bevorzugten herkömmliche Handpumpen. Die teureren und schwerer zu reparierenden PlayPumps verwaisten.

Neuerungen können sich rasend schnell durchsetzen: „Die explosionsartige globale Zunahme verfügbarer Mobiltelefon-Technologie zeigt, welche Erfolge möglich sind, wenn Wert und Nutzen auf allen Ebenen einleuchten“, schreiben die Forscher um Niemeier. Ein den Menschen einleuchtender Nutzwert sei auch für Gesundheitsprojekte wichtig, betont „Science“-Autor Martin Enserink. Die Erfahrungen der vergangenen Jahre hätten gezeigt, dass Frauen und Mädchen im Zentrum von Entwicklungsvorhaben stehen sollten, ergänzt Melinda Gates, die sich mit ihrem Mann in der Bill&Melinda Gates Stiftung für globale Entwicklung und Gesundheit einsetzt. „Keine Gesellschaft kann ihr Potenzial ausschöpfen, wenn die Hälfte ihrer Menschen an den Rand gedrängt und entmachtet sind“, betont Gates. Frauen investierten oft ein Vielfaches mehr in ihre Familien als Männer, wenn sie im Zuge von Projekten Gewinne erwirtschafteten.

Den Blick für erfolgversprechende Maßnahmen zu schärfen, sei um so wichtiger, da die finanziellen Hilfen für Gesundheitsprogramme in ärmeren Ländern stagnierten, schreibt Enserink. Im Jahr 2013 seien von den reichen Ländern 31,3 Milliarden US-Dollar in die globale Gesundheit investiert worden – weniger als ein Prozent der Gesundheitsausgaben in diesen Staaten selbst.

Zu den sehr erfolgreichen Gesundheitsmaßnahmen zählten in den vergangenen Jahrzehnten Impfungen, schreiben Elizabeth Halloran von der University of Washington und Ira Longini von der University of Florida. Infektionskrankheiten verursachen ein Fünftel aller Todesfälle weltweit, ein Drittel davon geht auf Viren zurück. Dramatisch reduziert worden seien etwa die Folgen von Keuchhusten, Polio und Masern – dank der in den 1940er- bis 1960er-Jahren begonnenen Impfkampagnen.

Vielfach allerdings gebe es keine zugelassene Impfung – etwa bei HIV, so Halloran und Longini. Auch beim Mers-Virus auf der arabischen Halbinsel und dem in der Karibik und Mittelamerika grassierenden Chikungunya-Virus sei fraglich, ob rasch Impfstoffe entwickelt werden können. Noch gehöre Ebola zu den Epidemie-Verursachern, gegen die es kein zugelassenes Mittel gibt. Überwachung, Eindämmung, Information und Vermeidung seien die wichtigsten Maßnahmen gegen solche Infektionen. All dies sei beim Ebola-Ausbruch in Westafrika zu zögerlich erfolgt, kritisiert Peter Piot in „Science“. Ungeachtet zahlreicher Aufrufe von Ärzte ohne Grenzen hätten WHO und Regierungen erst im August Besorgnis über die Entwicklung gezeigt. Erst danach sei die Epidemie als Internationaler Gesundheitsnotfall eingestuft worden.

Dass das Virus anders als bei den 20 erfassten Ausbrüchen zuvor so außer Kontrolle geriet, führt Piot auf ein Zusammenspiel von mehreren Faktoren zurück: „zerrüttete Gesundheitssysteme als Resultat jahrzehntelanger Kriege, wenig Vertrauen der Bürger in die Regierungen und die westliche Medizin, traditionelle Vorstellungen, sogar Ablehnung von Ursache oder Existenz des Virus, und die Bestattungspraxis, die das Berühren der Ebola-Toten beinhaltet“.

Die WHO befürchtet, dass sich bis zum Ende des Ausbruchs mehr als 20.000 Menschen angesteckt haben könnten. „Die schnelle Ausbreitung von Ebola ist ein grausiger Denkzettel dafür, dass Epidemien eine globale Bedrohung sind“, schreibt Piot. „Und dass der einzige Weg, dieses Virus unter Kontrolle zu bringen, eine schnelle und massive globale Reaktion ist – eine viel stärkere als die bisherige.“