Alltagschemikalien schädigen Fruchtbarkeit von Männern

Lesedauer: 2 Minuten

Verdächtige Substanzen auch in Sonnenmilch oder Zahnpasta

Bonn . Allgegenwärtige hormonell aktive Chemikalien könnten zu Störungen der Fruchtbarkeit beitragen. Eine deutsch-dänische Studie deutet darauf hin, dass Dutzende Substanzen, darunter Inhaltsstoffe von Sonnenmilch oder Zahnpasta, die Befruchtungsfähigkeit von Spermien mindern. Zudem summieren sich unterschiedliche Chemikalien in ihrer Wirkung, wie die Forscher um Timo Strünker vom Center of Advanced European Studies and Research (caesar) in Bonn in der Zeitschrift „EMBO Reports“ berichten.

Hormonell aktive Stoffe stecken in Lebensmitteln, Kunststoffen, Kosmetika, Textilien, Haushaltsprodukten oder Spielzeug. Mit einem neuen Verfahren testeten die Forscher den Einfluss von 96 Substanzen an menschlichen Spermien verschiedener Spender. 33 Stoffe störten den Kalzium-Haushalt dieser Keimzellen, darunter Inhaltsstoffe von Sonnenschutz (4-MBC), Kunststoff-Weichmachern (DnBP) oder Kosmetika (Triclosan). In Konzentrationen, wie sie teilweise in Menschen vorkommen, öffnen sie einen Ionenkanal, sodass Kalzium in die Zellen strömt. Der Kalziumwert ist der Schlüsselfaktor für das Schwimmverhalten von Spermien. Er wird eigentlich im Eileiter durch die weiblichen Hormone Progesteron und Prostaglandin gesteuert.

Die Chemikalien, deren Wirkung der von weiblichen Hormonen ähnelt, machen die Spermien weniger empfindlich auf die Hormone. Dies könnte ihre Navigation zur Eizelle stören und sie daran hindern, die Eihülle zu durchdringen, betonen die Wissenschaftler. Insgesamt könnten die Substanzen die präzise abgestimmte Abfolge der Prozesse bei der Befruchtung durcheinanderbringen.

Dabei stellten die Forscher fest, dass sich winzige Konzentrationen verschiedener Stoffe in ihrer Wirkung summieren können. Generell orientieren sich Grenzwerte für einzelne Substanzen nur an deren potenzieller Wirkung. Die Auswirkungen von Cocktails werden nicht geprüft. Insgesamt stünden etwa 800 Alltagsstoffe in Verdacht, das Hormonsystem zu stören. Die meisten davon seien in ihrer Wirkung auf den Menschen noch nicht untersucht, schreiben die Forscher. Strünker: „Man müsste dafür sorgen, dass möglichst wenige dieser Chemikalien verwendet werden, auch wenn man die Folgen der Schädigungen nicht bis ins letzte Detail nachweisen kann.“ Die Europäische Union will neue Grenzwerte für solche Substanzen prüfen.