„Spektakuläre Ausbreitung“

Forscher rekonstruieren Entwicklung der Kolibris. Heute gibt es in Amerika 338 Arten

Berkeley. In der bisher umfangreichsten Studie zu Kolibris haben nordamerikanische Forscher die Entstehung und Entwicklung der kleinen Vögel rekonstruiert. Demnach entstanden die Vorfahren dieser Familie, die heute 338 Arten umfasst, wohl in Eurasien. Aber erst nachdem sie Südamerika erreichten, hätten sich die kleinen Vögel rasant in viele Untergruppen aufgefächert, schreiben die Forscher im Fachblatt „Current Biology“.

Die Zoologen um Jimmy McGuire analysierten für die Studie 284 Kolibri-Arten anhand ihrer genetischen Merkmale und Lebensräume. Demnach spalteten sich die Vorfahren der Kolibris (Trochilidae) vor etwa 42 Millionen Jahren vermutlich in Eurasien von den Familien der Segler (Apodidae) und Baumsegler (Hemiprocnidae) ab. Diese Ahnen gelangten wahrscheinlich über die Beringstraße nach Nordamerika und von dort vor 22 Millionen Jahren über das Meer nach Südamerika – eine Landbrücke gab es damals noch nicht. Während ihre Vettern in Eurasien und Nordamerika wohl ausstarben, teilten sich die südamerikanischen Kolibris in viele Gattungen und Arten. Das erklären die Forscher damit, dass die nektartrinkenden Vögel sich mit den ständig verändernden Blütenpflanzen in einer „diffusen Koevolution“ entwickelten, etwa in Bezug auf Blüten und Schnabelform. Folge: In manchen Gegenden leben heute 25 Kolibri-Arten.

Zudem boten die sich aufwölbenden Anden den Vögeln eine Vielzahl verschiedener Lebensräume. Allein in diesem Gebirgszug leben derzeit etwa 140 Kolibri-Arten. Vor zwölf Millionen Jahren kehrten Kolibris dann nach Nordamerika zurück. Inzwischen besiedeln sie den gesamten Kontinent – von Alaska bis Feuerland.

Zwar zeige die Studie, dass sich die Auffächerung verlangsamt habe. Die Resultate deuteten aber darauf hin, dass Kolibris noch immer einem „dynamischen Veränderungsprozess“ unterlägen und ökologische Nischen in Nordamerika, Südamerika und der Karibik nutzten, schreiben die Forscher. „Die spektakuläre Ausbreitung dieser einzigartigen Vogellinie ist noch lange nicht abgeschlossen.“