Der Kampf gegen die Keime

Wie entstehen Infektionen? Darüber diskutieren Forscher auf einem internationalen Symposium in Hamburg

Hamburg. Wie schafft das Immunsystem, Erreger erfolgreich abzuwehren? Welche Rolle spielen Viren bei der Entstehung von Krebserkrankungen? Was passiert bei chronischen Entzündungen? Mit der Entstehung von Infektionen beschäftigt sich ein internationales zweitägiges Symposium, das im Hamburger Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (BNI) stattfindet und an dem 140 Experten teilnehmen. Ausgerichtet wird die Veranstaltung vom Leibniz Center Infection. Das ist ein Verbund, dem die drei norddeutschen Leibniz-Institute angehören. Das sind neben dem BNI das Heinrich-Pette-Institut für Experimentelle Virologie (HPI) auf dem Gelände des Universitätsklinikums Eppendorf und das Forschungszentrum Borstel (FZB) vor den Toren Hamburgs.

Neben den Erregern haben die Forscher immer auch das Immunsystem im menschlichen Körper im Blick. Dieses muss nicht nur gegen Viren, sondern gegen alle gefährlichen Eindringlinge gewappnet sein. „Das Immunsystem steht bei jeder Infektion vor der Herausforderung, die Erreger zu eliminieren, dabei aber möglichst wenig Schaden im Körper zu verursachen“, sagte Prof. Bernhard Fleischer, Abteilungsleiter der Immunologie am BNI.

Im HPI werden viele unterschiedliche Viren untersucht, wie etwa die Erreger von HIV, Hepatitits, Herpes, Cytomegalie und Grippe. Wenn die Infektion mit einem Virus beginne, werde es vom Immunsystem bekämpft und bestenfalls vernichtet. „Bei vielen Viren aber gelingt das nicht, und es kommt zu einer chronischen Infektion“, sagt Prof. Marcus Altfeld, Immunologe und Abteilungsleiter am HPI. Als Beispiel nennt er die HI-Infektion. Das Immunsystem sei dadurch, dass es von den Viren ständig stimuliert wird, irgendwann völlig erschöpft und breche zusammen, sodass die Patienten schwer an Infektionen erkranken, die eigentlich harmlos sind. Man versuche, dem entgegenzusteuern, indem man mit Medikamenten die Zweige des Immunsystems, die ständig aktiviert würden, ausschalte.

Offenbar kann auch die Reaktion des Immunsystems auf eine Infektion den Körper krank machen. Als Beispiel nennt Prof. Ulrich Schaible, Direktor des Programmbereichs Infektionen am FZB, die Tuberkulose. Dass es bei dieser Erkrankung zu Löchern in der Lunge und zu Beschädigungen des Gewebes komme, dabei spiele auch die Immunantwort eine Rolle. Deswegen vermute man, dass die Immunantwort einen Teil der Erkrankung bewirke. „Unser Verständnis dafür, unter welchen Bedingungen eine Infektion zum Beispiel durch den Tuberkuloseerreger zur Krankheit führt oder nicht und welche Langzeitfolgen daraus resultieren, wird erst durch das gleichzeitige Studium der wechselseitigen Interaktionen zwischen Erreger und Wirt geschärft“, sagt Schaible.

Thema des Symposiums ist auch, welche Rolle Infektionen bei der Entstehung von Krebs spielen. Dabei geht es unter anderem um einen bestimmten Hautkrebs, an dessen Entstehung das sogenannte Merkelzell-Polyomavirus beteiligt ist. Solche Zusammenhänge werden heute oft gefunden, indem man DNA oder RNA im Tumorgewebe analysiert und dabei auf Sequenzen stößt, die bestimmten Viren zugeordnet werden können.

In einem Vortrag geht es um das Bakterium Helicobacter pylori, das als Hauptrisikofaktor für Magenkrebs gilt. „Aber dieser Keim scheint auch gegen Asthma zu schützen. Nur bei bestimmten Menschen kann er zu diesen Entzündungen und Tumoren führen“, sagte Schaible.

Wie unser Immunsystem beschaffen ist, hängt sehr von unserer Umgebung ab. „Deswegen sind auch die Immunsysteme von Menschen verschiedener Kontinente unterschiedlich, weil sie sich mit unterschiedlichen Erregern auseinandergesetzt haben“, sagte Fleischer. Und er fügt noch einen weiteren Aspekt hinzu: Ein großer Teil unseres Immunsystems sei dafür gerüstet, sich mit Würmern auseinanderzusetzen. Da es diese aber bei uns nicht mehr gebe, führe das zu einer Veränderung des Systems. „Und Mäuse, die in einem sterilen Umfeld aufwachsen, haben ein anderes Immunsystem als normale Feldmäuse“, ergänzt Altfeld.

Wir müssten uns viel mehr als Teil eines Ökosystems sehen, zu dem auch Bakterien und Viren gehörten, sagte Schaible. Es gebe die Erreger, die Krankheiten auslösten, aber sehr viel mehr Keime, die dem Menschen helfen, zum Beispiel in der Darmflora, betonte Altfeld. Fleischer: „Wahrscheinlich ist unsere Darmflora so individuell wie ein Fingerabdruck.“