Glosse

Der schönste Schmerz

„Ist Wagner überhaupt ein Mensch? Ist er nicht eher eine Krankheit?“, fragte Friedrich Nietzsche, der Wagner anfangs bewunderte und später verachtete. In jedem Fall ist Wagner ansteckend, meint Joachim Mischke.

So ganz will einem diese Kopfschmerz-These, obwohl sie hübsch verpackt ist, nicht in den Kopf. Ein Größtkünstler wie Richard Wagner hatte sicher Zeitloseres im Sinn beim Vertonen seiner Ideen, als ausgerechnet die eigenen Migräneschübe in Noten umzusetzen. Und auch die Vorstellung, Zuhörer könnten nun, nach dieser vermeintlichen Enthüllung, Wagners eigene „Empfindungen und Wahrnehmungen unmittelbar wahrnehmen“, ist zwar gut gemeint. Aber viel zu klein gedacht. Viel zu profan.

Ja doch, Wagner ging es sehr oft sehr um sich; bei Themen wie Frauen, Geld, Ruhm, Ehre, Kleidung oder Marotten war nur er sich der Nächste. Danach kam lange Zeit nichts und niemand. Doch seine Musik, seine (ganz unmedizinisch gemeinten) Visionen, die zielten schon früh aufs ganz Große. Ob und was der Urheber dabei empfunden oder wahrgenommen haben mag, steht auf anderen Blättern, aber nicht in den Noten. Dass im „Ring“ gehämmert wird, heißt noch längst nicht, dass diese Szenen ausschließlich unter dröhnenden Kopfschmerzen komponiert wurden. Dass es im „Holländer“ hoch hergeht auf dem Meer, heißt längst nicht, dass Wagner bei seiner stürmischen Seefahrt von Riga nach London ständig über der Reling hing, um die Fische zu füttern. Und selbst wenn: Eine Partitur ist keine umformulierte Krankmeldung. Wäre ja schön, wenn Kunst so einfach wäre. Und noch schöner, wenn hinter jedem Meisterwerk das passende Wehwehchen herauszugeheimnissen wäre. Beethoven bezeichnete seine miese Konstitution als „grünäugiges Monster“, aber ob er ohne seine Ertaubung anders, weniger radikal komponiert hätte?

Wagner und Migräne? So hört sich das endlose Absingen rustikaler Stabreime vielleicht für Nicht-Wagner-Bewunderer an, die nach nur wenigen Stunden Beschallung mit Wagner schon um Leib und Leben fürchten. Doch die Vorstellung, dass selbst ein so egomanisches Genie wie Wagner von Migräne zu Schmerzen und Saulaune verurteilt wurde, macht ihn wieder zu einem von uns. Zu jemand halbwegs Normalem.

„Ist Wagner überhaupt ein Mensch? Ist er nicht eher eine Krankheit?“, dieses Zitat des Philosophen Nietzsche, der Wagner anfangs bewunderte und später verachtete, geht viel schöner am Ziel vorbei als die Erkenntnisse der Kieler Musik-Migräne-Studie. Von Migräne ist da nicht die Rede. Nietzsche sagt nur, jenseits seiner Hassliebe: Wagners Musik kann ansteckend sein und einen umhauen. Gegen Wahnvorstellungen, erst recht auf einem der harten Sitze im Bayreuther Festspielhaus, könnte man sich impfen lassen. Es würde aber im Zweifelsfall nichts helfen. Schlimmer als diese Infektion ist ohnehin nur der Entzug: die Zeit zwischen der letzten Wagner-Oper und der nächsten.

Kultur-Chefreporter Joachim Mischke ist bekennender und schmerzfreier Wagner-Hörer