Gewaltige Kanäle unter dem Schelfeis der Antarktis

Die Hohlräume entstehen wohl durch Schmelzwasser, das meerwärts strömt

London. Sie sind breiter als die Londoner Tower Bridge und fast so hoch wie der Eiffelturm: Offenbar durchziehen gewaltige Kanäle die Schichten unter der Oberfläche des Schelfeises um die Antarktis. Das folgert ein britisches Forscherteam aus Untersuchungen des Filchner-Ronne-Schelfeises. Die Hohlräume entstehen wohl durch Schmelzwasser, das unter dem mächtigen Eisschild der Antarktis meerwärts strömt. Das Schmelzwasser beeinflusse das Fließen des Eisschildes, berichten die Wissenschaftler im Fachjournal „Nature Geoscience“.

Im Gegensatz zum Eisschild, der fest auf Land aufliegt, schwimmt das direkt angrenzende Schelfeis auf dem Meer. Mit Satellitenbildern und Radarmessungen untersuchten die Forscher um Anne Le Brocq von der Universität Exeter das Filchner-Ronne-Schelfeis – mit weit über 400.000 Quadratkilometern das zweitgrößte Schelfeis-Gebiet der Antarktis.

Unter dem mehr als 1000 Meter dicken Eis entdeckten sie mehrere riesige Kanäle. Einer war etwa 300 Meter breit und rund 250 Meter hoch. Der Beginn dieses Hohlraums stimmt mit Vorhersagen überein, wo Schmelzwasser aus dem Eisschild austritt. Offenbar verwirbelt dieser Strom an der Mündung das wärmere Meerwasser, das dann das Schelfeis von unten aushöhlt und so die Kanäle bildet. Die Beobachtungen deuteten darauf hin, dass Schmelzwasser unter der Antarktis nicht nur in feinen Schichten fließe, sondern dass in den unteren Bereichen größerer Eisströme ein richtiges Abwassersystem existiere, schreiben die Forscher.

„Wenn wir verstehen wollen, wie sich der Eisschild verhält und zu Veränderungen des Meeresspiegels beiträgt, müssen wir die Rolle des Wassers unter dem Eisschild völlig verstehen“, sagt Le Brocq. „Die Informationen zu diesen neu entdeckten Kanälen verbessern unser Verständnis, wie das Wassersystem funktioniert und wie sich der Eisschild in Zukunft verhält.“