Klimawandel bewirkt „Babyboom“ am Meeresgrund der Antarktis

Bremerhaven. Auf dem Meeresboden nahe der Antarktis haben Forscher eine Art Babyboom beobachtet. Seit dem Zerfall und Abbruch von Schelfeis im westlichen Weddellmeer vermehren sich Antarktische Glasschwämme rasant, berichten Biologen des Alfred-Wegener-Institutes. Ohne den dicken Eispanzer, der Teile der Wasseroberfläche bedeckte, konnten die Tiere erstaunlich schnell wachsen und sogar Nahrungskonkurrenten verdrängen, schreiben die Forscher im Fachmagazin „Current Biology“. Damit reagierten die Meeresbewohner deutlich schneller und umfassender auf klimabedingte Veränderungen als bisher angenommen.

Glasschwämme gehören zu den ältesten mehrzelligen Lebewesen. Es gibt sie seit ungefähr 600 Millionen Jahren. Sie leben hauptsächlich auf dem Meeresgrund rund um die Antarktis und ernähren sich von kleinstem Plankton. Mit ihren bis zu zwei Meter großen vasenähnlichen Körpern bieten sie gute Rückzugsmöglichkeiten für Fische und andere Meeresbewohner. Nach den Beobachtungen der Biologen hat sich die Zahl der Schwämme im westlichen Weddellmeer zwischen 2007 und 2011 verdreifacht – trotz Wassertemperaturen von minus zwei Grad. Nach dem Verschwinden des Hunderte Meter dicken Schelfeis-Deckels – das sogenannte Larsen-A-Schelfeis in der Antarktis war 1995 auseinandergebrochen – spielt dabei wohl vor allem Licht eine Rolle. Wo zuvor Kälte, Dunkelheit und Futterknappheit herrschten, wächst nun Plankton in den oberen Wasserschichten und rieselt später als Nahrung zum Meeresboden herab.

„Es passiert einiges. Und sehr viel schneller als wir gedacht haben“, sagte Forscher Claudio Richter. Wo früher viele Seescheiden und nur vereinzelte Glasschwämme zu sehen waren, fanden die Wissenschaftler nun eine Art explodierte Glasschwamm-Besiedlung – und überhaupt keine Seescheiden mehr. „Die Antarktis wird produktiver, wir werden mehr Leben am Meeresboden haben“, sagte Richter. Ob diese Entwicklung positiv sei, bleibe allerdings abzuwarten.