Vögel füttern, aber richtig

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Angelika Hillmer

Die winterliche Verköstigung freut Mensch und Tier. Doch ist sie wirklich sinnvoll? Was ist zu beachten?

Hamburg. Zwischen 15 und 20 Millionen Euro geben die tierlieben Deutschen nach Angaben des Naturschutzbundes (Nabu) jährlich für Vogelfutter aus. Unter Experten gehen die Meinungen auseinander, ob die Fütterung ökologisch überhaupt sinnvoll ist. Der Nabu hält sie aus Sicht des Vogelschutzes für entbehrlich, während Prof. Peter Berthold, langjähriger Leiter der Vogelwarte Radolfzell, sogar dafür plädiert, das ganze Jahr über zu füttern - eine Übersicht über den Stand des Wissens.

Das Für und Wider der winterlichen Fütterung

Wer artgerechtes Futter bereitstellt, hilft den Vögeln über die nahrungsarme Winterzeit hinweg, daran besteht kein Zweifel. Der Nabu sieht Futterhäuschen und -silos allerdings vornehmlich als Instrumente zur Naturbeobachtung. Sie ziehen heimische Singvögel magisch an und verschaffen dadurch gerade Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit, die Tiere hautnah zu erleben. Ein Beitrag zum Artenschutz seien sie jedoch nicht, so der Nabu: Von der Fütterung profitierten zehn bis 15 Vogelarten, hauptsächlich Meisen, Finken, Rotkehlchen und Drosseln. Keine dieser Arten sei im Bestand gefährdet.

Reicht es, nur in der kalten Jahreszeit zu füttern?

Der Ornithologe Prof. Peter Berthold hält eine ganzjährige Fütterung für sinnvoll. Das alte Argument, in der Brutzeit bestünde die Gefahr, dass die Elternvögel ihren Nachwuchs mit dem bequem erreichbaren pflanzlichen Futter versorgen, obwohl dieser Insektennahrung braucht, sei längst widerlegt. Der Nabu empfiehlt dagegen, nur im Winter zu füttern - auch aus hygienischen Gründen, da sich in der kalten Jahrzeit Krankheitserreger am Futterplatz nicht so schnell vermehren. Gartenbesitzer erweisen sich einen Bärendienst, wenn sie die Vögel im Sommer mit Sämereien und Weichfutter verwöhnen - anstatt sie nach Läusen, Mücken und anderen Schädlingen suchen zu lassen.

Was sollte angeboten werden - und was nicht?

Körnerfresser (Meisen, Finken, Sperlinge) mögen Sonnenblumenkerne und andere Sämereien, Nüsse, Erdnüsse und Getreideflocken. Amseln, Drosseln, Rotkehlchen und Zaunkönige bevorzugen weiches Futter, etwa Rosinen (Futtersultaninen) oder Apfelstückchen. Küchen- und Speisereste seien absolut tabu, warnt die Deutsche Wildtierstiftung in Hamburg: "Vögel sind keine Müllschlucker. Exotische Gewürze und Salz können schon in kleinen Mengen zum Tod führen. Brot quillt im Vogelmagen auf und sorgt für schmerzhafte Magenverstimmungen." Wer den Vögeln langfristig helfen will, pflanzt Bäume und Sträucher, die im Spätherbst und Winter noch Früchte tragen, schneidet im Herbst verblühte Stauden nicht zurück, damit die Körnerliebhaber die Sämereien ernten können, und lässt "wilde Ecken" zu, in denen Amsel und Co. nach Insekten, Spinnen und Würmern stöbern können.

Welche Rolle spielt Vogelfutter bei der Ausbreitung von Ambrosia?

Die unscheinbare Beifuß-Ambrosie, deren Pollen hoch allergen sind, stammt aus Nordamerika und hat sich vor allem über das Vogelfutter in Deutschland zur Pest entwickelt. Ihre Samen stecken in Tüten mit Sonnenblumenkernen und gelangen mit der Fütterung in die Umwelt, aber auch, wenn überschüssige Sonnenblumenkerne im Frühjahr ausgesät werden. Die Zeitschrift "Ökotest" hatte 2007 und 2009 in Tüten mit Sonnenblumenkernen nach Ambrosia gefahndet. Die Tester registrierten zwar eine abnehmende Verunreinigung, gaben jedoch keine Entwarnung. Selbst in Produkten, die ein Label "Ambrosia kontrolliert" trugen, fanden sie die lästigen Samen - bis zu 94 Stück pro Kilo Sonnenblumenkerne.

Was ist der richtige Standort für die Futterstellen?

Futterspender und -häuschen sollten möglichst frei stehen, damit die gefiederten Gäste rechtzeitig erkennen, wenn sich Greifvögel oder Katzen nähern. Gleichzeitig sollten Bäume oder Büsche in der Nähe sein, die den Vögeln Deckung verschaffen. Auch ist darauf zu achten, dass sich die Futterstelle nicht in Fensterscheiben spiegelt - das erhöht das Risiko, dass die Vögel mit der Glasscheibe kollidieren. Wenn Spiegelungen nicht zu vermeiden sind, sollte der Fressplatz der Scheibe möglichst nahe sein, da eine Kollision nach einem kurzen Anflug weniger halsbrecherisch ist.

Wie sollte die Futterstelle gestaltet sein?

Um zu vermeiden, dass sich Krankheitserreger verbreiten, sollte das Futter nicht mit dem Kot der Wintergäste in Berührung kommen können. Dies gewähren frei hängende Futtersilos, Vogelhäuschen mit Silos und Meisenknödel. Da die "wartungsfreien" Silos Futter für mehrere Tage oder Wochen enthalten, ist beim Anbringen darauf zu achten, dass das Futter auch bei Wind, Regen und Schnee nicht durchnässt werden kann. Wer sich von seinem herkömmlichen Vogelhäuschen nicht trennen kann, sollte immer nur wenig Futter ausstreuen und beim Nachfüllen herumliegende Reste und Kot entfernen. Zudem sollte das Häuschen regelmäßig mit heißem Wasser gereinigt werden.

Leisten Futterhäuschen Erkrankungen wie Salmonellose Vorschub?

Im Winter 2009/2010 starben in Bayern Hunderte Erlenzeisige an Salmonellose, weil sie sich an Futterstellen infiziert hatten. Im April/Mai 2009 fielen vor allem Grünfinken einer Schlundentzündung zum Opfer, deren Erreger (Trichomonaden) wurden ebenfalls durch die Fütterung verbreitet. Eine andere Epidemie, die vor allem im Frühherbst 2011, aber auch in diesem Sommer Schlagzeilen machte, hat dagegen nichts mit der Vogelfütterung zu tun: Rund 300.000 Amseln starben im Vorjahr durch das Usutuvirus - der tropische Erreger wird über die in Deutschland heimische Nördliche Hausmücke übertragen.

Brauchen Vögel bei frostigen Temperaturen Badewasser?

Der Deutsche Tierschutzbund rät, gerade bei Frost Schalen mit Trink- und Badewasser hinzustellen, weil natürliche Wasserstellen für die Tiere kaum erreichbar sind. Und auch das künstliche Trockenfutter ist nicht gerade ein Durstlöscher. Damit das Wasser nicht gefriert, sollte es mehrmals täglich gewechselt werden. Einmal am Tag sollte die Schale mit heißem Wasser ausgespült werden. Übrigens baden Vögel auch bei Frost. Dabei besteht keine Gefahr, dass sie durch das feuchte Gefieder erfrieren.

Macht es Sinn, Enten und anderes Wassergeflügel zu füttern?

Wie bei den Singvögeln gehen auch hier die Meinungen auseinander. Im Sommer warnte der Nabu Hamburg: "Der Volkssport Entenfüttern ist zwar gut gemeint, schadet aber sowohl den Vögeln als auch den Gewässern." Vor allem an beliebten Fütterungsstellen sei die Wasserqualität schlecht, weil Brotreste und die an dem Ort konzentrierten Exkremente den Bereich überdüngten. Der Nabu appellierte an die Bürger, auf "Ente satt" zu verzichten. Das gelte auch für die Winterzeit, sagt Nabu-Pressesprecher Bernd Quellmalz. Dagegen hält die Organisation Wildvogelhilfe die zusätzliche Futtergabe für einen wichtigen Beitrag, damit die Vögel den Winter überstehen. Doch auch sie warnt davor, das Wassergeflügel mit Brotresten zu überschütten. Geeignetes Futter seien Getreide, spezielles Hühner- oder Wassergeflügelfutter, Kleie, Eicheln, Obst- und weiche Kartoffelstücke.