Hering, Scholle, Seelachs

Fischbestände erholen sich - Fangquoten trotzdem niedrig

Trotz positiver Tendenzen beschlossen EU-Minister vorläufig niedrigere Fangmengen für 2013 als in diesem Jahr.

Hamburg. Mehr Hering, Scholle, Seelachs und Schellfisch - darauf können die Fischer in der Nordsee und im Nordostatlantik vorläufig nur hoffen. Denn im Gegensatz zur wissenschaftlich begründeten Aussicht auf höhere Fänge bei diesen Fischarten liegen die Quoten für 2013 derzeit unterhalb der 2012er-Vorgaben, weil die Verhandlungen der EU mit Norwegen noch nicht abgeschlossen sind. Möglicherweise werden die Fangmengen noch erhöht. Unabhängig davon sehen Umweltschützer nach den am Donnerstag abgeschlossenen Verhandlungen der EU-Fischereiminister weiteren Nachholbedarf zum Schutz der Fischbestände.

Die Quoten für Hering, Scholle und Seelachs der Nordsee sind zunächst um 25 bis 30 Prozent reduziert worden. Dabei könnten sie eigentlich 15 Prozent höher liegen als im Vorjahr, lautet die wissenschaftliche Empfehlung des Internationalen Rates für Meeresforschung (ICES). Die Fischarten zählen zu den Gewinnern der langfristigen Managementpläne, die seit einigen Jahren die Quotenverhandlungen flankieren. "Sie schreiben zum Beispiel vor, drastische Kürzungen auf mehrere Jahre zu verteilen und geben klare Zielvorgaben zur Erholung der Bestände", sagt Dr. Ralf Döring vom Thünen-Institut für Seefischerei in Hamburg.

Zusammen mit Kollegen hat Fischereiökonom Döring gerade eine Analyse zur Entwicklung der 41 wichtigsten Fischbestände im Nordostatlantik, der Nord- und der Ostsee vorgelegt. Demnach sind 18 Bestände auf einem Niveau, das den maximalen Dauerertrag gewährleistet - im Jahr 2001 waren es nur fünf. Der maximale Dauerertrag steht für das fischereipolitische Ziel der EU: Die Bestände sind so zu managen, dass der maximale Ertrag erzielt wird, ohne sie zu überfischen.

Gut erholt hat sich die Nordseescholle. Döring: "Sie profitiert davon, dass die Quotenkürzung auf mehrere Jahre verteilt wurde. Mit der Gewissheit, dass die Fangmengen über eine gewisse Zeit sinken werden, wurde ein Viertel der niederländischen Plattfisch-Trawler endgültig stillgelegt." Weniger glücklich ist der Fischereiexperte über die Entwicklung des Nordsee-Kabeljaus: "Die Nachwuchsproduktion ist seit mehreren Jahren schlecht. Trotz Fangbeschränkungen hat er sich nicht erholt. Es ist unklar, weshalb das so ist."

Thilo Maack, Fischerei-Experte bei Greenpeace, hat eine Erklärung: "Dass der Kabeljau nicht von den Wiederaufbaumaßnahmen profitiert, liegt an der jahrzehntelangen Überfischung. Nach Aussage der EU-Kommission sind 90 Prozent der gefangenen Kabeljaue nicht einmal geschlechtsreif." Zumindest für die südliche Nordsee hat der Meeresbiologe wenig Hoffnung für die Fischart: "Die Scholle hat offensichtlich die ökologische Nische des Kabeljaus inzwischen besetzt."

Ein großes Problem ist der Beifang (das versehentliche Mitfischen) von Kabeljau: Während Schollen gezielt in flacheren Gewässern gefangen werden, geraten Kabeljaue auch in Netze, die für Seelachs oder Schellfisch bestimmt sind. Döring: "Die stark überlappenden Lebensräume der Fischarten führen dazu, dass rund die Hälfte des Kabeljaus als Beifang gefischt wurde und deshalb nach den EU-Regelungen wieder über Bord geworfen werden muss."

Beim Kabeljau hätten die Minister im Laufe der Verhandlungen den Mehrjahresplan teilweise außer Kraft gesetzt und seien "zur Retro-Politik des jährlichen Quotengeschachers" zurückgekehrt, kritisiert die Umweltstiftung WWF. Herausgekommen ist ein Minus von 25 Prozent, das mit Blick auf Norwegen ebenfalls nur vorläufig ist.

Verhandlungen mit Nicht-EU-Staaten werden bald auch bei der Makrele nötig: Angetrieben durch den Klimawandel, lässt sich der kleine Schwarmfisch vermehrt vor den Küsten Islands und der Faröer blicken - und wird dort neuerdings befischt. "Diese zusätzliche Entnahme muss bei der Quotenberechnung einbezogen werden", sagt Fischereiforscher Döring. Für die Makrele ist eine um 30 Prozent reduzierte EU-Quote vorgesehen.

Insgesamt hält der WWF die nächtliche Einigung in Brüssel für einen halbherzigen Kompromiss. Noch immer setzten sich die Minister bei einigen Fischarten über wissenschaftliche Empfehlungen und Kommissionsvorschläge hinweg, kritisieren die Meeresschützer. Das gilt etwa für Arten, über deren Bestände wenig bekannt ist. Für sie schlug die Kommission eine vorsorgliche Kürzung von 20 Prozent vor; die Minister reduzierten die Fangmengen aber nur um fünf Prozent.

Auch bei manchen bekannten Beständen gaben die Minister Zuschläge. Thilo Maack nennt die Seezunge in der Irischen See: "Der Wissenschaftliche Rat hatte eine Null-Quote empfohlen, die EU-Kommission eine Reduktion um 80 Prozent. Die jetzt beschlossene Quote liegt bei minus 53 Prozent."

Neben aller Kritik sehen Greenpeace und WWF einen Silberstreif am Meereshorizont. Und den steuerte der Fischerei-Ausschuss des EU-Parlamentes bei. Er beriet am Dienstag die Reform der EU-Fischereipolitik. Sie soll 2013 verabschiedet werden und der EU helfen, gemäß ihrer internationalen Verpflichtung alle Bestände bis 2015 nachhaltig zu bewirtschaften.

"Die Reformvorlage, über die das Parlament im Frühjahr abstimmen wird, könnte nicht besser sein", urteilt Greenpeacer Thilo Maack. Sie schreibt unter anderem vor, dass der Beifang zukünftig nicht mehr über Bord geworfen werden darf, sondern angelandet und dokumentiert werden muss. Der Entwurf fordert die Mitgliedstaaten auf, Schutzgebiete einzurichten, und will Staaten bestrafen, die zu große Fangflotten nicht reduzieren. Maack: "Das ist ein Paradigmenwechsel der EU-Fischereipolitik."