Kinder

Ungebremste Gefühle: die affektive Dysregulation

Psychiater haben bei Kindern eine neue Krankheit entdeckt. Typisch dafür sind Wutausbrüche, vor allem dann, wenn Veränderungen anstehen.

Morgens aufstehen und sich anziehen, nach dem Frühstück mit dem Fahrrad in die Schule fahren und dort wegen wechselnder Fächer mehrmals von einem Klassenraum in den nächsten umziehen - normalerweise ist das für Kinder kein Problem. Es gibt jedoch auch einige, die dieser ständige Wechsel von einer Situation in die andere so aus dem Konzept bringt, dass sie Wutausbrüche bekommen, die sie nicht mehr steuern können. "Diese erhöhte Empfindlichkeit für Veränderungen ist ein typisches Zeichen für eine schwere affektive Dysregulation, eine Störung in der Steuerung von Gefühlen", erklärt Prof. Michael Schulte-Markwort, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum Eppendorf. Weitere Symptome sind starke Stimmungsschwankungen, Depression, Angst, Unruhe, Aggression und Suizidgedanken. Dieses Krankheitsbild wurde erstmals vor zehn Jahren von der amerikanischen Kinderpsychiaterin Ellen Leibenluft beschrieben und seitdem unter Experten diskutiert. Im März 2013 wird es in die internationale Klassifikation psychischer Störungen (DSM) aufgenommen.

"Bisher hatte man immer gedacht, dabei handle es sich um eine Störung des Sozialverhaltens oder eine Form des Aufmerksamkeitsdefizitsyndroms. Es hätte auch eine Borderline-Störung sein können oder eine bipolare Störung, bei der es zu manischen und depressiven Phasen kommt. Aber diese Kinder passten in keines dieser Raster", sagt der Kinderpsychiater.

Die schwere affektive Dysregulation betrifft nach bisherigen Untersuchungen etwa ein Prozent aller Kinder. Die Ursache dafür ist unklar. Man weiß aber mittlerweile, dass es sich dabei nicht um eine Reaktion der Kinder auf äußere Belastungen handelt, sondern um etwas, was in ihrer Persönlichkeit oder ihrem Temperament begründet ist. "Sie stammen aus unauffälligen Familien, wachsen meist mit gesunden Geschwistern und fürsorglichen Eltern auf. Das Wichtigste, das man davon trennen muss, ist eine Störung des Sozialverhaltens. Kinder, die daran leiden, betrachten ihre Aggression oft als Reaktion auf Angriffe von außen. Kinder mit der Regulationsstörung hingegen sehen schon, dass sie sich selbst nicht steuern können. Sie leiden mehr darunter und bemühen sich darum, anders zu sein. Ihr auffälliges Verhalten ist oft mehr auf spezifische Situationen begrenzt, insbesondere auf Wechsel von einer Situation in die andere ", erklärt Schulte-Markwort.

Als Beispiel nennt er den Fall eines siebenjährigen Mädchens, das einen Wutanfall bekommt, wenn es nach einer Therapiestunde auf die Krankenstation zurückgebracht wird. Oder den eines sechsjährigen Jungen, der bis zu sechs Ohnmachtsanfälle am Tag bekam - immer dann, wenn es um solche Situationswechsel ging oder darum, dass er damit rechnen musste, dass ihm Grenzen aufgezeigt wurden. Wenn die Eltern mit solchen Kindern zu Schulte-Markwort in die Sprechstunde kommen, sind sie oft schon sehr verzweifelt. Sie haben bereits alles Mögliche ausprobiert und bekommen ständig von ihrer Umwelt zu hören: "Ihr müsst ja etwas falsch machen, wenn ihr so ein ungezogenes Kind habt! Und warum könnt ihr euch nicht durchsetzen?" Nur selten kommt jemand auf den Gedanken, dass eine Krankheit dahinterstecken könnte.

"Wenn ich die Diagnose der affektiven Dysregulation gestellt habe, sage ich den Eltern: Das Erste, war Ihr Kind braucht, ist Trost und nicht die Ansage: 'Das hat wieder nicht geklappt, nun streng dich mal an.' Stattdessen sollten Sie ihm vermitteln: 'Es gibt etwas in dir, das ganz schwer zu regeln ist'", sagt Schulte-Markwort. Er erzählt von einem Vierjährigen, der das Gefühl, das ihn in diesen Zuständen überkommt, als eine Maus in seinem Bauch beschreibt: "Manchmal läuft die so wild, dann kann ich nichts dagegen machen."

Die Therapie besteht vor allem darin, die Eltern zu beraten, wie sie pragmatisch und in einzelnen Situationen so mit ihren Kindern umgehen, dass der Gefühlsausbruch verhindert wird. Sie sollen den Kindern keine Vorwürfe machen, sondern sie begleiten und ernst nehmen. Zunächst geht es darum, ein Wort für diese Zustände zu finden, wie etwa die Maus, ein Anfall oder auch ein Vulkan. "Zu den Kindern sage ich dann: 'Wenn das der Vulkan in dir ist, musst du der Vulkanspezialist werden, und dann müssen wir etwas dafür tun, damit du frühzeitig merkst, wann der Vulkan ausbricht und was man dagegen tun kann.'"

Durch intensives Arbeiten mit den Eltern und die Früherkennung von Symptomen lasse sich die Störung zum Abklingen bringen, sagt Schulte-Markwort. Wichtig sei, einen immer wiederkehrenden Rhythmus mit möglichst wenig Änderungen einzuhalten, den Alltag so zu gestalten, dass er für die Kinder vorhersehbar wird. Veränderungen sollten angekündigt werden, wie etwa mit: "In fünf Minuten hören wir mit dem Spiel auf." Zudem sollten die Kinder dafür gelobt werden, wenn sie es geschafft haben, ihre Gefühle unter Kontrolle zu bringen. "Älteren Kindern ab dem Alter von acht, neun Jahren erkläre ich oft, dass sie Kapitän werden müssen. Sie müssen sich an das Steuer ihrer Seele setzen, und in der Lage sein, dieses Schiff durch alle Klippen zu fahren."