Physik

Projekt PIER: Hamburg stärkt seine Spitzenforschung

Foto: Fotonachweis: UHH/Schell

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Universität und Desy bündeln im neuen Projekt PIER ihre Kompetenzen in der Physik. Auch Entwicklung der Medizintechnik profitiert.

Hamburg. Schon heute forschen Physiker der Universität Hamburg an den Teilchenbeschleunigern des Deutschen Elektronen-Synchrotrons (Desy) in Hamburg-Bahrenfeld, entstehen Diplom- und Doktorarbeiten mithilfe von Desys Strahlungsquellen. Nun wird die Zusammenarbeit zwischen der Universität und dem Forschungszentrum der Helmholtz-Gemeinschaft noch weiter ausgebaut: Gestern unterzeichneten Uni-Präsident Prof. Dieter Lenzen und Desy-Chef Prof. Helmut Dosch den Vertrag einer strategischen Partnerschaft namens PIER.

Das Akronym PIER steht für Partnership for Innovation, Education and Research (Partnerschaft für Innovationen, Bildung und Forschung). Denn das Kooperationsprojekt, das eine eigene Geschäftsstelle erhalten wird, soll die Vernetzung der beiden Institutionen in Forschung und Lehre stärken. "Mit PIER konzentrieren sich Desy und die Universität auf ihre Stärken", betont Dosch. "Die einzigartigen Forschungsinfrastrukturen von Desy ermöglichen hervorragende Forschung und eine attraktive Ausbildung unseres wissenschaftlichen Nachwuchses. Darüber hinaus dient PIER als Plattform für den Wissens- und Technologietransfer in die Wirtschaft, insbesondere in der Metropolregion Hamburg."

Die gemeinsame Berufung von Professoren und Besetzung von wissenschaftlichen Schlüsselpositionen ist ein zweites Standbein von PIER. "Die koordinierte Personalpolitik schafft eine gemeinsame Strategie, wohin die Physik in Hamburg in den nächsten Jahren gehen wird", sagt Desy-Sprecher Dr. Thomas Zoufal. Schon heute gebe es die Tradition, dass der Vorsitzende des Desy-Direktoriums auch Universitäts-Professor ist.

Ein weiteres Highlight der Kooperation: der Ideenfonds. Er stellt Geld zur Verfügung, um gute Projektideen umsetzen zu können, ohne einen langwierigen Antragsweg beschreiten zu müssen. "Der Fonds ist breit aufgestellt und dient der unbürokratischen Anschubfinanzierung von Forschungsvorhaben. Er wendet sich gerade auch an Nachwuchswissenschaftler, die nicht so geübt sind in der Formulierung von Forschungsanträgen. Sie können ihre Arbeit beginnen, um zu erkennen, welche Ergebnisse der neue Forschungsansatz liefern kann", sagt Zoufal.

Eine Reihe von Wissenschaftlern lebt die Idee von PIER bereits heute. Dazu gehört die italienische Teilchenphysikerin Dr. Erika Garutti. Sie kam 2003 zum Desy und leitet seit fünf Jahren eine Nachwuchsgruppe, in der neben zwei promovierten Wissenschaftlern drei bis vier Doktoranden und zwei bis drei Diplomanden der Universität arbeiten. Sie entwickeln gemeinsam einen neuen Detektor für den noch zu bauenden linearen Teilchenbeschleuniger ILC am europäischen Kernforschungszentrum Cern. Im ILC sollen Elektronen mit Positronen kollidieren. Die Detektoren werden die dabei entstehenden Energieteilchen (Photonen) aufspüren.

Ein zweites medizintechnisches Forschungsprojekt begann im Januar. "Wir haben fünf Millionen von der EU bekommen, um einen Minidetektor zu bauen, mit dem sich Tumoren wesentlich genauer orten lassen als mit der heutigen Diagnostik", sagt Erika Garutti. Das neue Gerät soll die Ultraschalltechnik mit der Positronen-Emissions-Tomografie, kurz PET, kombinieren.

PET-Scanner sind weltweit in Krankenhäusern im Einsatz, um Tumoren zu lokalisieren. Dem Patienten wird ein schwach radioaktives Präparat verabreicht, das Positronen abgibt. Deren Verteilung im Körper erfasst ein Scanner, durch den der Patient hindurchgeschoben wird. Stark durchblutete Gewebe weisen auf Tumoren hin. Doch Geschwüre der Bauchspeicheldrüse oder der Prostata sind mit diesem Verfahren nur schwer aufzuspüren.

Garutti und ihr Team entwickeln nun PET-Detektoren, die in ein Endoskop passen. Die Forscher gehören einem Konsortium aus 60 Wissenschaftlern von 13 Instituten in Europa. Der kleinste PET-Scanner der Welt soll später über die Speiseröhre in den Magen eingeführt werden, um - ergänzt durch Ultraschall - die Bauchspeicheldrüse zu untersuchen; die Ortung von Prostata-Tumoren erfolgt über den Darm.

Gerade dieses Projekt werde von PIER profitieren, sagt Erika Garutti: "Die Zusammenarbeit mit der Universität bei der Ausbildung von Diplomanden und Doktoranden beruhte bislang auf Eigeninitiative. Ich habe dadurch Mitarbeiter auf dem Gebiet der Teilchenphysik akquirieren können, weil ich den Uni-Professor kannte. Für unser neues Projekt brauche ich aber auch Mediziner und Biologen. Zu denen habe ich keine Kontakte, da wird mir nun die PIER-Geschäftsstelle helfen."

Dass von dieser Vermittlung auch die Studierenden der Universität Hamburg profitierten, ist sich Uni-Präsident Lenzen sicher: " PIER soll ein zentraler Anlaufpunkt für exzellente Wissenschaft im Norden sein. Von hier aus wollen wir junge Talente aus aller Welt einladen zu lehren und zu forschen. Den Studierenden der Uni Hamburg wird PIER die Möglichkeit geben, ihre Arbeiten in einem technologisch einmaligen Umfeld durchzuführen."

Informationen im Internet: www.pier-campus.de

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