Fast jeder zehnte Deutsche ist gefühlsblind

Dafür können genetische Faktoren eine Rolle spielen, aber auch Prägung

Berlin. Den Tod seiner Mutter registrierte er scheinbar emotionslos. Auch sonst ließen ihn Situationen, die für andere Menschen traurig oder freudig waren, seltsam unberührt. "Der Fremde", wie ihn Albert Camus bereits 1942 in einem Roman beschrieb, würde heute unter Psychologen als gefühlsblind gelten. Und er stünde nicht allein da. "Etwa elf Prozent der Deutschen sind betroffen, bei psychisch Kranken ist es jeder Fünfte", sagte die Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Berliner Charité, Isabella Heuser. Die entsprechenden Personen seien nicht in der Lage, Emotionen anderer Menschen richtig zu deuten und eigene Gefühle auszudrücken.

Der Ausdruck "alexithym" für diese Menschen sei 1974 erstmals geprägt worden. In den folgenden Jahrzehnten wurde die "Alexithymie" zunehmend erforscht. In Berlin ist jetzt die erste internationale Konferenz mit Experten zu diesem Phänomen geplant.

Die emotionale Intelligenz sei gerade in der heutigen Gesellschaft sehr wichtig. Vor allem im Berufsleben würden immer wieder sogenannte "soft skills" gefragt, erklärt Heuser. Diese fehlten alexithymen Menschen. "Die Alexithymie ist keine Krankheit, sondern ein Merkmal eines Menschen", erklärt sie. "Alexithyme sprechen lieber über Sachthemen und sind eher kurz angebunden, wenn es um Gefühlsbereiche geht." Weil emotionale Fähigkeiten aber für die zwischenmenschliche Kommunikation wichtig seien, hätten Betroffene oft gestörte Beziehungen zu anderen Menschen. Außerdem seien Gefühlsblinde anfälliger für psychische Erkrankungen wie etwa Depressionen, erklärt die Wissenschaftlerin.

Alexithyme würden bei emotionalem Unwohlsein oft auf körperliche Symptome ausweichen. "Sie sagen dann, sie haben Kopfweh oder Bauchweh - eigentlich wie Kinder", sagt Heuser. Denn Kleinkinder seien hoch alexithyme Wesen, die erst mit der Zeit lernen, ihre Gefühle auszudrücken.

Für das Auftreten der Alexithymie spielten laut Heuser genetische Faktoren eine Rolle. "Es gibt aber auch Hinweise darauf, dass frühkindliche Vernachlässigung, das Aufwachsen in einer gefühlsarmen Familie und physische Misshandlungen zu den Risikofaktoren gehören", erklärt sie. Davon, dass Alexithymie therapierbar ist, geht Heuser aus. "Der Mensch ist ja sein Leben lang lernfähig." Es müsse nur die passende Therapie entwickelt werden.