Das erste T-Shirt aus der Spraydose

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Auf der nackten Haut wird das neue Material zu Stoff. Es lässt sich sogar waschen

London. Wenn Modedesigner Manel Torres seine Show bei der Londoner Fashion Week vorbereitet, werden die Kleider erst ganz kurz vorher fertig. Torres sprüht sie seinen Models nämlich direkt auf den Leib. Zusammen mit einem Chemiker entwickelte er ein Material, das auf der Haut zu Stoff wird.

"Jedes Kleidungsstück, das hier entsteht, ist absolut einzigartig und persönlich", sagt Torres und setzt sich eine Plastik-Schutzbrille auf. Statt mit Nadel und Faden hantiert er mit einer Spritzpistole, mit der normalerweise Autos lackiert werden. Model Linda Reinvalde steht wie eine Statue im grellen Neonlicht des Chemielabors und lässt sich das weiße Material auf die nackte Haut sprühen. "Man merkt es eigentlich gar nicht, es ist höchstens ein bisschen kühl", sagt sie, während sich die dünnen Fäden zum Shirt zusammenschließen.

Die Sprühsitzung für ein T-Shirt mit kurzem Arm dauert ungefähr zehn Minuten. Danach kann das Model das Kleidungsstück ganz locker aus- und wieder anziehen. Sogar Waschen funktioniert.

"Das Konzept ist wahnsinnig clever", meint Miterfinder und Partikeltechnologie-Professor Paul Luckham, weil durch die chemische Zusammensetzung praktisch jeder Stoff und zahlreiche Materialien, Farben und andere Flüssigkeiten vermischt werden könnten. So hat das Team aus Chemiker und Modedesigner neben Baumwolle und Wolle auch schon Nerz-Fasern auf Models gepustet.

Torres will die Erfindung bald auf den Markt bringen und zu Geld machen. "Die Anwendung des Spray-on-Materials in der Mode ist ein wunderbarer Weg, um das Konzept bekannt zu machen", sagt Luckham in dem Labor am renommierten Londoner Imperial College. Allerdings soll es nicht dabei bleiben. Er kann sich zum Beispiel auch Mullbinden aus der Sprühdose vorstellen. Dafür müsste der Stoff nur mit antiseptischer Arznei gemischt werden. Auch ein Schuhputztuch gehört zu seinen Plänen. Dazu soll in der Sprühdose Schuhcreme mit drin sein.

Schon rund zehn Jahre arbeiten Torres und Luckham an den Stoffen aus der Dose. "Manel wollte für seine Doktorarbeit ein sprühbares Shirt entwickeln", erinnert sich der Professor. "Er hat mich im Internet gefunden und einfach kontaktiert. Und ich dachte: Lass es uns ausprobieren." Luckham entwickelte und perfektionierte dann über Jahre die Technik, bei der einzelne Fasern mit einem Bindemittel zusammengebracht und dann mithilfe eines Lösungsmittels zum Spray werden. Eine Technik, an der Bond-Tüftler Q seine Freude hätte. "Wenn das Material auf der Haut landet, ist das Lösungsmittel bereits verdunstet und der Stoff schon zum festen Material geworden." Das sieht dann ähnlich aus wie etwa bei Filz, ist aber feiner und tragbarer.