Medikamente

Jedes zweite Kind erhält Antibiotika

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Gesundheitsexperten kritisieren zu häufigen Einsatz der Medikamente. Dieser schwankt regional strak. Häufung in Teilen von Mecklenburg-Vorpommern.

Gütersloh. Wenn aus einem Schnupfen eine Mittelohrentzündung mit hohem Fieber wird, wollen Eltern natürlich vom Arzt das beste Mittel zur raschen Abhilfe. Und das heißt häufig: die Verordnung eines Antibiotikums. Bei den richtigen Symptomen wirkt es ja auch Wunder, und man wird schnell wieder gesund. Und gegen viele Infektionen ist es immer noch die effektivste Waffe. Doch sind Antibiotika wirklich immer sinnvoll und notwendig?

Experten meinen, in Deutschland wird zu viel davon verschrieben. Speziell bei Kindern scheinen Ärzte das Mittel zu oft und unbegründet zu verordnen. Ein neuer Report der Bertelsmann-Stiftung im Internetportal Faktencheck Gesundheit zeigt: 2009 erhielten bundesweit 38 Prozent aller Kinder und Jugendliche von null bis 18 Jahre Antibiotika. Bei den Drei- bis Sechsjährigen war es sogar jedes zweite Kind, bei den Erwachsenen hingegen nur 33 Prozent.

Wie eine interaktive Deutschlandkarte des Reports zeigt, variiert die Zahl der Antibiotika-Verordnungen regional sehr stark. Stefan Etgeton, Gesundheitsexperte der Bertelsmann-Stiftung, sagt: „Die Unterschiede zwischen den einzelnen Kreisen sind riesig. In einigen Landkreisen im Osten Mecklenburg-Vorpommerns erhielt die Hälfte aller Kinder und Jugendlichen bis einschließlich 17 Jahren mindestens einmal ein Antibiotikum vom Arzt verordnet. Das sind doppelt so viele wie beispielsweise in bestimmten Landkreisen im südlichen Bayern.“ In Hamburg lag diese Zahl zwischen 31 und 34,6 Prozent, bei den Kleinkindern (null bis sechs Jahre) zwischen 43,1 und 47,4 Prozent. Auffällig im Norden ist die hohe Zahl der Verschreibungen in Neumünster (siehe Karte).

+++Antibiotikaresistente Bakterien in Schweinefleisch+++

+++Stärkere Überwachung von Antibiotika-Einsatz+++

Im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung haben Professor Gerd Glaeske und seine Kollegen des Zentrums für Sozialpolitik der Universität Bremen anhand der Daten des Barmer GEK die möglichen Hintergründe, Ursachen und Folgen der Verordnungspraxis untersucht. Danach werden Antibiotika besonders häufig bei akuter Mittelohrentzündung, fiebriger Erkältung und Grippe eingesetzt – Erkrankungen, bei denen sie oft gar nicht helfen.

Denn Antibiotika wirken nur gegen Bakterien, nicht gegen Viren. Und die typischen Erkältungskrankheiten wie Husten, Schnupfen oder Halsschmerzen werden im Allgemeinen durch Viren verursacht. Deswegen sollten, so empfehlen die Experten, bei Infektionen der Atemwege und bei Mittelohrentzündungen Antibiotika nur nach den geltenden medizinischen Leitlinien verordnet werden. „Bei Mittelohrentzündungen sollte man erst mal abwarten, es sei denn, das Kind ist jünger als ein halbes Jahr, hat hohes Fieber oder ist in seinem Allgemeinbefinden stark beeinträchtigt. Dann würde ich das Kind sofort mit Antibiotika behandeln, wenn es Hinweise auf eine eitrige Mittelohrentzündung gibt“, sagt Dr. Hans Ulrich Neumann, niedergelassener Kinderarzt in Hamburg.

Deutsche Ärzte scheinen auch bei gleicher Diagnose ein unterschiedliches Verordnungsverhalten zu haben. Dem Bertelsmann-Report zufolge unterscheidet sich die Häufigkeit der Verschreibungen von Antibiotika zwischen den Facharztgruppen erheblich. Stefan Etgeton: „Bei nicht eitrigen Mittelohrentzündungen, bei denen Antibiotika laut Leitlinien nur in Ausnahmefällen angezeigt sind, verordneten 33 Prozent der Hausärzte Antibiotika, aber nur 17 Prozent der Kinderärzte und neun Prozent der HNO-Ärzte. Bei Lungenentzündungen, wo die Verordnung von Antibiotika angezeigt ist, waren es 80 Prozent der Kinderärzte, aber nur 66 Prozent der Hausärzte.“

Was sind die möglichen Ursachen der unterschiedlichen Verordnungen? Allgemein-, Kinder- und Hals-Nasen-Ohren-Ärzte berücksichtigen die medizinischen Leitlinien nicht stark genug. Dabei sollten speziell Hausärzte die Antibiotika-Verordnung bei Mittelohrentzündungen um ein Drittel senken. Kulturelle Unterschiede oder etwa Migrationshintergründe könnten die Ursache der regional uneinheitlichen Verschreibungspraxen sein. Auch die unterschiedliche Dichte der Kinder- und Jugendärzte in den Regionen könnten die Medikamentengaben beeinflussen. Glaeske hat den Eindruck: „In den Regionen, wo Allgemeinärzte häufig aufgesucht werden, werden im Vergleich zu Kinderärzten mehr Antibiotika verordnet. Der Druck in einer Allgemeinpraxis, viele Patienten zu behandeln, könnte damit zu tun haben.“ Diese Begründungen sind aber nur Erklärungsansätze, die näher zu prüfen sind.

Die häufigen Verordnungen von Antibiotika bleiben nicht ohne Folgen. So können die Medikamente unangenehme Nebenwirkungen haben, wie Übelkeit, Erbrechen, Durchfall. Denn sie wirken nicht nur gegen krankmachende Bakterien, sondern greifen ebenso die nützlichen Bakterien im Körper an.

Das weit größte Problem der wiederholten Antibiotika-Verordnungen ist jedoch, dass bakterielle Erreger sich an die Wirkstoffe gewöhnen. Die Keime werden somit resistent gegen Antibiotika, sodass die Medikamente keine Wirkung mehr zeigen, wenn sie wirklich notwendig sind.

Es entstehen dadurch kaum noch zu behandelnde Erkrankungen, welche sich speziell in Krankenhäusern ausbreiten. Es ist somit extrem wichtig, vorschnelle Gaben von Antibiotika zu vermeiden. So sollten Patienten verstärkt darüber aufgeklärt werden, wann Antibiotika wirklich sinnvoll sind und wann der Einsatz eher unnötig erscheint.

In dem Internetportal Faktencheck Gesundheit sind zahlreiche Vorschläge zu möglichen Maßnahmen nachzulesen, um unnötige Verordnungen zu reduzieren. So soll zum Beispiel eine bessere Hygiene in Krankenhäusern die Verbreitung von resistenten Erregern vermeiden.