Biochemie: Hormone verändern die Nervenimpulse

Verliebte spüren Saures besser

Verliebtsein verändert den Geschmackssinn. Das haben Forscher im Sensoriklabor des Technologie Transferzentrums (TTZ) Bremerhaven herausgefunden. Von 70 Testpersonen erwiesen sich die 35 frisch Verliebten als relativ resistent gegen süß und bitter. Dagegen spürten sie saure Geschmacksrichtungen und Salziges deutlich stärker. Die Schmetterlinge im Bauch sind ebenso wie verklärte Blicke durch rosa Brillen aus wissenschaftlicher Sicht ohnehin pure Biochemie. "Emotionen gehen mit einer Veränderung der Hormonkonzentration sowie einer veränderten Weiterleitung von Nervenimpulsen einher", erläutert der Leiter der Sensorikabteilung am TTZ, Mark Lohmann, ganz unromantisch.

Während Hormone wie verrückt vom pochenden Herzen durch die Blutbahn gepumpt werden, nimmt ausgerechnet die Konzentration des oft als Glückshormon bezeichneten Serotonins ab. "Es ist für die Übermittlung von Nervensignalen notwendig", erläutert der Wissenschaftler. Neben vielen anderen Körperfunktionen beeinflusst das Hormon den Blutdruck.

Möglicherweise bewahrt der Körper Verliebte durch diesen Trick vor überschwänglichem Handeln. Wenn das Herz den Verstand ausschaltet, "haben Verliebte bereits eine hohe Dosierung von Dopamin und Noradrenalin im Blut", sagt Lohmann. Beides sind antriebssteigernde Nervenbotenstoffe. Zusammen mit einem normalen Serotoningehalt könnte dieser Hormonspiegel übermütige Kraft und Motivation auslösen.

Die Bremerhavener Forscher konzentrierten sich auf einen weiteren Aspekt des Serotonins: "Es ist auch an der Wahrnehmung, insbesondere von bitter und süß beteiligt", so Lohmann. "Wenn jemand euphorisch und frisch verliebt ist, müsste er oder sie wegen des geringeren Serotonin-Ausstoßes unempfindlicher gegenüber den beiden Geschmacksrichtungen sein." Der Geschmackstest im Labor mit je einer süßen, sauren, salzigen, bitteren und neutralen Substanz war eindeutig: "Verliebte wichen um bis zu zwei Konzentrationsstufen vom Empfinden der Nichtverliebten ab." Insgesamt gab es zehn Stufen. Um sicherzugehen, wirklich Verliebte im Test zu haben, maßen die Forscher den Gehalt an Schmetterlingen im Bauch mit der "passionate love scale". Diese Abfrage wird auch von Neurowissenschaftlern verwendet.

Trotz des eindeutigen Resultats sind Lohmann die Grenzen des wissenschaftlich Machbaren bewusst: "Wir werden kaum verhindern können, dass verliebte Köche das Essen versalzen. Denn das hat nichts mit dem Geschmacksempfinden zu tun, sondern damit, dass sie mit ihren Gedanken woanders sind."