Chirurgie: Tagung in der Asklepios-Klinik Altona

Twittern aus dem OP - Ärzte warnen vor neuem Trend in den USA

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Cornelia Werner

Checklisten sollen die Sicherheit von Operationen erhöhen, eine schnelle Behandlung Komplikationen vermeiden. Experten diskutieren über neue Konzepte.

Hamburg. Wenn jemand operiert wird, ist die Sorge der Angehörigen groß, und sie möchten schnell informiert werden, ob der Patient alles gut überstanden hat. Doch jetzt macht in den USA ein Beispiel Schule, das auch deutschen Chirurgen Sorge bereitet: Seitdem dort im vergangenen August erstmals Angehörige aus dem OP per Twitter über den Fortgang einer Operation bei einer Patientin informiert wurden, haben andere US-Kliniken diese Praxis übernommen. Gegen das Twittern aus dem OP sprach sich der Berliner Professor Hartwig Bauer zum Auftakt einer Tagung der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie gestern in Hamburg aus, bei der die Sicherheit und Qualität der chirurgischen Versorgung im Mittelpunkt steht.

"Die zeitnahe Information der Angehörigen ist zwar ein wichtiger Punkt, aber es gibt für uns viele Gründe, es bei der Information nach einer Operation zu belassen", sagt Bauer. So müsse sich das Personal während des Eingriffs ausschließlich auf den Patienten konzentrieren. Und im OP solle nur das Nötigste gesprochen werden. Komme es während der Operation zu unvorhergesehenen Komplikationen, sei das Twittern " nicht geeignet, Angehörige zu beruhigen". Das gelte auch für den Fall, dass aufgrund solcher Situationen der Informationsfluss aus dem OP plötzlich abreißt. Auch datenschutzrechtliche Gründe seien zu bedenken.

Auf dem dreitägigen Kongress, zu dem 150 Teilnehmer erwartet werden, werden Konzepte für mehr Patientensicherheit vorgestellt. Dazu zählt auch eine Checkliste, die in Stichpunkten alles überprüft, was den Patienten gefährden kann. So soll sie auch sicherstellen, dass es nicht zu Verwechslungen von Patienten oder falschen Operationen kommt. Eine solche Checkliste hat die Weltgesundheitsorganisation bereits 2008 erstellt. Jetzt wurde sie von Greifswalder Chirurgen um Punkte ergänzt, die den Zeitraum vor der Operation (präoperativ) betreffen. Darin ist u. a. festgelegt, dass der Operateur den Patienten vor dem Eingriff noch mal selbst gesehen und den Grund für die Operation überprüft hat. Die geplanten OP-Schnitte werden vorher mit einem wasserfesten Stift auf dem Körper des Patienten markiert. Die Checkliste ist in vier Bereiche aufgeteilt, die einzeln abgezeichnet werden müssen. "Ist bei der Übergabe des Patienten an der OP-Schleuse diese Spalte nicht ausgefüllt und unterschrieben, wird der Operateur verständigt und der Patient erst umgelagert, wenn die präoperative Spalte der Checkliste vollständig bearbeitet wurde", sagte Prof. Dr. Claus Heidecke, Chefarzt der Abteilung für allgemeine Chirurgie, Viszeral-, Thorax- und Gefäßchirurgie an der Uniklinik Greifswald.

Mehr Sicherheit für Patienten versprechen sich die Chirurgen auch von der "Fast-Track"-Rehabilitation, bei der die Patienten schnellstmöglich wieder fit gemacht werden. Als Beispiel nannte Prof. Wolfgang Schwenk, Chefarzt der Abteilung für Allgemein- und Bauchchirurgie an der Asklepios-Klinik Altona, das Vorgehen bei einer Dickdarmoperation: "Unter traditionellen Bedingungen waren Patienten damit früher bis zu 14 Tage im Krankenhaus. Nach dem Fast-Track-Konzept sind sie jetzt nach fünf bis sieben Tagen entlassungsfähig." Das werde ermöglicht durch optimale Schmerztherapie, minimal-invasive Chirurgie mit kleinen OP-Schnitten, schonenden Narkoseverfahren und dadurch, dass die Patienten noch am Tag der Operation wieder aufstehen und die erste Nahrung zu sich nehmen. Hauptziel sei die Reduktion von Komplikationen, wie etwa Lungenentzündungen.

Der Hamburger Ärztekammerchef Frank Ulrich Montgomery sprach sich für die Fast-Track-Methode aus, sagte aber auch: "Was gut ist für die Patienten, führt zu einer Verdichtung von Arbeit für Ärzte und Schwestern." Insgesamt habe die Arbeitsintensität durch Verkürzungen der Verweildauer, Schließung von Krankenhäusern und Bettenabbau dramatisch zugenommen. Doch die jungen Ärzte von heute wollten nicht mehr so viel arbeiten wie früher, sagte Montgomery. "Wir müssen ihnen Arbeitsbedingungen bieten, die attraktiv sind. Sonst gehen die Ärzte nicht mehr in die Chirurgie."