Was hat ein Kuss mit Chemie zu tun?

2003 - das Jahr der Chemie

Sie sollten nicht schreckhaft sein", rät Chemie-Professorin Barbara Albert den Besuchern ihrer öffentlichen Weihnachtsvorlesung "Schall und Rauch", die vis-à-vis von Reagenzgläsern, Porzellantiegeln, Erlenmeyer-Kolben, Bunsenbrennern, Abzugshauben und diversen Fläschchen mit Chemikalien Platz nehmen. Eine Stunde lang inszenieren Experimentatoren des Fachbereiches Chemie der Uni Hamburg ein wahres Feuerwerk mit chemischen Versuchen, die die Neugier auf das Wissenschaftsjahr der Chemie wecken, das bundesweit am 1. Januar 2003 beginnt. Anlass, das Jahr 2003 zum Jahr der Chemie zu erklären, ist der 200. Geburtstag des weltweit bekanntesten deutschen Chemikers Justus von Liebig.

"Schall und Rauch" - im dunklen Hörsaal der Chemie lodern rote, gelbe, grüne und blaue Feuer auf, brennt Eis, verwandeln sich Chemikalien (fast) in Geld - Alchemie bleibt ein Rätsel - breitet sich weißer und grüner Rauch aus, wandern Feuerbälle durch PVC-Schläuche, präsentiert Professorin Albert den roten Tee des Teufels, explodieren große bunte Luftballons . . . Die Weihnachtsvorlesung ist ein eindrucksvoller Streifzug durch die Chemie, unterlegt von Musik und witzig kommentiert. Sie widerlegt Experiment für Experiment, dass Chemie das ist, was knallt und stinkt und nie gelingt.

Vor allem aber zeigt diese inzwischen traditionelle Veranstaltung: Chemie ist mitnichten eine Wissenschaft der kryptischen Formeln, des langweiligen Periodensystems der Elemente oder der undurchschaubaren Reaktionsgleichungen.

Chemie ist vielmehr eine höchst unterhaltsame und lebendige Wissenschaft, die aus einem bunten Fächer unterschiedlicher Disziplinen wie Biochemie, Lebensmittelchemie oder Nanochemie besteht.

Ob Natur, Mensch oder Materie - ohne Chemie läuft nichts und wehe, wenn die Chemie nicht stimmt. Dann knallts bekanntlich zwischen Menschen wie zwischen anderen Reaktionspartnern recht heftig. Das beliebteste Beispiel ist die Knallgasreaktion. Bei ihr reagieren Wasserstoff- und Sauerstoffgas explosionsartig miteinander. Dieses Experiment ist wohl die Quelle des Aberglaubens, dass Autos, die mit Wasserstoffantrieb fahren, explodieren müssen! Das Jahr der Chemie bietet viele Gelegenheiten, solche Fehlschlüsse auszuräumen und neue Erkenntnisse zu gewinnen. Was hat ein Kuss mit Chemie zu tun? Wenn es zum Kuss kommt, war die Chemie schon längst aktiv, denn Hormone sind die eigentlichen Regisseure der Liebe. Für das Gefühl verliebt zu sein, spielen zwei Botenstoffe im Gehirn eine entscheidende Rolle. Die New Yorker Anthropologin Helen Fisher entdeckte, so die Zeitschrift "Bild der Wissenschaft", dass für die magische Anziehungskraft von Frischverliebten die Neurotransmitter Dopamin und Noradrenalin im Gehirn sorgen. Tatsächlich scheint in Sachen Liebe alles nur eine Frage der richtigen Chemie zu sein. Wer erfahren will, was genau passiert, wird in der mulitmedialen Ausstellung "Der Kuss - Magie und Chemie: Unser Körper, Gesundheit und Ernährung", die vom 30. Januar an in Berlin besucht werden kann, spannende Antworten finden.

Im Mittelpunkt aller Veranstaltungen steht das Mitmachen. Angeboten werden sie von Wissenschaftlern und Studierenden der Chemie. Insgesamt 55 Universitäten und technische Hochschulen bieten in Deutschland einen Diplom-Studiengang an, zudem werden neue Studiengänge wie Wirtschaftschemie, Umweltchemie oder Nanochemie aufgebaut. Die Welt der Chemie wird bunter - und es strömen wieder mehr Studierende in die Hörsäle. 4924 Studienanfänger zählte die "Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh) 2001, das waren genau 1111 mehr als im vorangegangenen Jahr.

Doch nicht alle halten durch. Sorge bereitet der GDCh vor allem, dass die Zahl der Doktoranden stetig sinkt. "Viele Universitäten haben schon seit einigen Jahren große Probleme, Doktoranden zu finden, die an den Hochschulen wesentliche Teile der Forschung und Lehre übernehmen", betont die GDCh. Immerhin gut 88 Prozent aller Diplomanden versuchen sich an einer Doktorarbeit. Wer diese in der Tasche hat, landet meist in der chemischen Industrie. Sie bietet 461 000 Menschen in Deutschland Arbeit.

Der offizielle Startschuss für das Jahr der Chemie fällt am 29. Januar 2003 in Berlin. Neben den zentralen Großveranstaltungen sind bereits mehr als 100 lokale Veranstaltungen geplant - mehr als 2000 sollen es werden. Hamburg bietet der Fachbereich Chemie der Universität vier Veranstaltungen an. Am 6. Februar berichtet Professor Heinz Berke über "Chemie im Altertum" , am 26. Juni führt Professor Herbert W. Roesky "Chemische Kabinettstücke" vor, am 20. September öffnet der Fachbereich seine Türen, so dass man hinter die Kulissen gucken kann, und am 19. Dezember findet die Weihnachtsvorlesung 2003 statt - unbedingt vormerken! Spätestens dann werden Sie der Magie der Chemie erliegen.

Justus von Liebig Der am 12. Mai 1803 in Darmstadt geborene Justus von Liebig entwickelte den Kunstdünger und trieb die Medizin im 19. Jh. voran. Ihm zu Ehren werden 2003 eine Zehn-Euro-Gedenkmünze und eine Sonderbriefmarke ausgegeben.

Aus dem Programm des "Jahres der Chemie" Mit dem "Jahr der Chemie" wollen das Bundesforschungsministerium, die Initiative Wissenschaft im Dialog und die Chemieorganisationen die oft skeptisch beäugte Wissenschaft für ein breites Publikum erlebbar machen. Am 29. Januar startet das Jahr in Berlin, dann wird auch die Ausstellung "Der Kuss" eröffnet. Zwei Wochen lang werden Forscher unter dem Motto "Magie und Chemie" den menschlichen Körper, Gesundheit und Ernährung chemisch beleuchten. "Der Kuss" ist die erste von drei multimedialen Ausstellungen. Die zweite Ausstellung "Der Stoff - Materie und Chemie" zeigt vom 24. April an Chemie im Alltag. Der dritte Teil der Trilogie steht unter dem Motto "Die Quelle - Energie und Chemie". In ihm geht es ab Anfang September um die Zukunft. Die drei Erlebnisausstellungen werden nach ihrer Eröffnung in Berlin, Bochum und Halle in sieben weiteren Städten zu sehen sein. Der Wissenschaftssommer wird vom 16. bis zum 22. September 2003 in Mainz stattfinden. Dort wird dann auch das 105 Meter lange Binnenschiff "Jenny" festmachen, das von Juli bis September zahlreiche Rheinhäfen anlaufen wird.

Das "Science live Mobil" wird als "Chemie-Truck" durch Deutschland touren. Herzstück ist ein Chemielabor, in dem auf einer Bühne Experimente vorgeführt werden können und Kinder sowie Erwachsene auch selber experimentieren können. Der Chemie-Truck soll an 90 Orten im Bundesgebiet Station machen. Im Rahmen der Verbrauchermesse "Du und Deine Welt" besucht er am 30. und 31. August Hamburg. Bereits gestern startete der Fernsehsender 3sat mit einer sechsteiligen Serie ins Jahr der Chemie.

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