Kommunikation

Forscher mahnen: Schreibt mehr Deutsch

Wissenschaftliche Arbeiten müssen verständlicher werden, fordert Hamburgs Universitäts-Gesellschaft - und hat einen Förderpreis ausgelobt.

"Ambiguitätstoleranz ist das psychische Korrelat der Normen- und Interpretationsdiskrepanzen sowie der nicht voll komplementären Bedürfnisbefriedigung im Interaktionssystem." Sätze wie dieser fanden jahrzehntelang Eingang in wissenschaftliche Arbeiten, ohne dass sich jemand daran störte. Der Verfasser erwies sich so als Mitglied der Forschergemeinde - und grenzte sich ab von jenen, die nur in schlichtem Deutsch formulieren konnten. Es war an vielen Unis regelrecht verpönt, allgemein verständlich zu schreiben; teilweise galt gar: je abgehobener die Formulierung, desto größer das Lob des Professors. Doch das scheint sich langsam zu ändern. In Hamburg will die Universitäts-Gesellschaft ein Zeichen für mehr Verständlichkeit setzen: Heute, am Tag ihres 90-jährigen Bestehens, verleiht sie zum zweiten Mal den Berenberg-Preis für Wissenschaftssprache.

Die mit 5000 Euro dotierte und von der Berenberg-Bank-Stiftung gestiftete Auszeichnung geht an die Literaturwissenschaftlerin und Historikerin Myriam Richter für ihr Buch "Voßstraße 16: Im Zentrum der Ohnmacht". Darin dokumentiert sie die Geschichte eines Grundstücks in Berlin und der damit verbundenen Personen. Richter zeige, "dass Wissenschaft sowohl verständlich wie fesselnd dargestellt werden kann", heißt es in der Begründung der Jury. "Die deutsche Wissenschaftssprache muss besser werden", sagt Jurymitglied Jörg Hennig, Professor für Germanistik an der Uni Hamburg. Bisher richteten sich nur wenige Forscher an ein breites Publikum. Richters Buch sei ein sehr gutes Beispiel, dass es auch anders gehe.

Noch ist es erst eine kleine Gruppe von Mäzenen und Forschern, die sich derart für mehr Verständlichkeit in wissenschaftlichen Werken engagiert. Zu den wenigen vergleichbaren Auszeichnungen zählen etwa der Förderpreis Opus Primum der Volkswagenstiftung und der Klaus-Tschira-Preis für verständliche Wissenschaft. Stärker fällt dagegen die Unterstützung für mündliche Wissenschaftsvermittlung aus: An den bundesweit ausgerichteten Science Slams nehmen jedes Jahr Hunderte von Wissenschaftlern teil, die vor meist ausverkauften Sälen ihre Forschungsergebnisse präsentieren - auf Deutsch.

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Das erscheint selbstverständlich, doch im deutschen Wissenschaftsbetrieb vollzieht sich derzeit eine Gegenbewegung: "Deutsch als Wissenschaftssprache gerät zunehmend ins Abseits, stattdessen dominiert Englisch", sagt Jörg Hennig. Darauf wolle die Universitäts-Gesellschaft mit dem Berenberg-Preis auch aufmerksam machen. Einst war Latein die Sprache der Gelehrten, die sich damit vom gemeinen Volk abgrenzten. "Mit der Einführung des Deutschen an den Universitäten hat dann so etwas wie eine Demokratisierung der Bildung stattgefunden", sagt Hennig. Heute übernehme Englisch die Rolle, die früher Latein zukam. "Wir rollen zurück."

Mit ihrem Engagement für Deutsch als Wissenschaftssprache stehen die Hamburger nicht allein. "Es ist zwar sehr erfreulich, dass sich Wissenschaftler mit Englisch international verständigen können und deshalb immer öfter über Grenzen hinweg zusammenarbeiten. Doch es erfüllt uns mit Sorge, dass Deutsch dabei immer weiter zurückgedrängt wird", sagt Ralph Mocikat, Vorsitzender des Arbeitskreises Deutsch als Wissenschaftssprache (Adawis) und Professor für Immunologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Dann zählt er auf: Auf Kongressen mit ausschließlich deutschen Teilnehmern würden Vorträge oft nur noch auf Englisch gehalten. Gutachten müssten zunehmend auf Englisch geschrieben sein, auch wenn die Empfänger Deutsche seien. Das Bundesforschungsministerium und die Deutsche Forschungsgemeinschaft verlangten, dass bestimmte Förderanträge nur in englischer Sprache eingereicht werden. Und all das färbe auf die Lehre ab: Auch in Seminaren werde zunehmend Englisch gesprochen, selbst wenn nur deutsche Studenten teilnähmen. Der Hochschulrektorenkonferenz zufolge ist mittlerweile in 778 von 16 182 Studiengängen Englisch die Hauptunterrichtssprache. "Das hat Folgen für den Erkenntnisgewinn", sagt Mocikat.

Studien aus Skandinavien hätten gezeigt, dass das tiefere Verständnis stark eingeschränkt sei, wenn Studenten den Stoff ihres Fachs nur noch in Englisch aufnähmen. Zudem schwinde die Diskussionsbereitschaft, selbst wenn die Teilnehmer gut Englisch sprächen. Denn unser Denken beruhe nun einmal in erster Linie auf unserer Muttersprache. "Alle Disziplinen, auch die Naturwissenschaften, leben von Deutungen. Jede Sprache hat ein reiches Repertoire an Bildern und Metaphern, um Deutungen zum Ausdruck zu bringen. Wenn diese Bilder und Metaphern nicht mehr aus der Muttersprache kommen, wird es immer schwerer werden, wissenschaftliche Erkenntnisse zu vermitteln" sagt Mocikat. Es drohe eine geistige Verarmung.

Unipräsidenten und Fördereinrichtungen wollten deutsche Forschungsergebnisse international bekannter und ihre Hochschulen für ausländische Forscher und Studenten attraktiver machen, indem sie auf die Weltsprache Englisch setzten. Ersteres mag gelungen sein. Für ausländische Gäste sei der Zwang zum Englischen allerdings kontraproduktiv, sagt Mocikat. "Man tut diesen Studenten keinen Gefallen, wenn man sie in einer deutschfreien Parallelwelt belässt. Wir sollten sie kulturell einbinden - aber das geht nicht, wenn wir sie von unserer Muttersprache fernhalten."

Die Mehrsprachigkeit in den Wissenschaften sollte erhalten bleiben, forderten bereits 2009 die Hochschulrektorenkonferenz (HRK), der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD), die Alexander-von-Humboldt-Stiftung und das Goethe-Institut in einer gemeinsamen Erklärung. Der DAAD veröffentlichte 2010 zusätzlich ein eigenes Memorandum, die HRK tat es ihm 2011 nach. "Eigentlich gibt es einen Konsens, dass etwas falsch läuft", sagt Mocikat, "umso mehr erstaunt es mich, wie gering die Anstrengungen sind, etwas zu ändern." Die Mitglieder des Arbeitskreises Deutsch als Wissenschaftssprache träten nun an die Hochschulen heran. "Bei ersten Gesprächen haben sich die Hochschulleitungen ratlos gezeigt."

"Damit keine Missverständnisse entstehen: Es geht uns nicht um altertümliche Sprachpflege", sagt Germanistikprofessor Jörg Hennig mit Blick auf den braunen Rand der Gesellschaft, der unter Forderungen nach mehr Deutsch etwas völlig anderes versteht. "Wir möchten vielmehr, dass deutsche Forscher ihre Arbeit weiterhin auch auf Deutsch veröffentlichen." Die Entwicklung umzukehren sei unrealistisch, sagt Hennig. "Es bleibt aber zu hoffen, dass wir den jetzigen Stand halten können." Damit will sich Ralph Mocikat nicht zufriedengeben: "Zumindest in den Naturwissenschaften ist Deutsch so weit verdrängt worden, dass wir einen Schritt zurückgehen müssen."

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