"Eingeimpft"

Eine Doku versucht sich an der Klärung der Impffrage

Für seinen Dokumentarfilm "Eingeimpft - Familie mit Nebenwirkung" unterhielt sich Regisseur David Sieveking (r) auch mit Eltern.

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Für seinen Dokumentarfilm "Eingeimpft - Familie mit Nebenwirkung" unterhielt sich Regisseur David Sieveking (r) auch mit Eltern.

Masern, Mumps, Röteln, Pneumokokken oder Tetanus. Experten empfehlen Impfungen gegen 15 verschiedene Krankheiten. Nicht alle Eltern wollen dieser Empfehlung folgen. Ein Film versucht, die Vor- und Nachteile des Impfens zu ergründen.

Berlin. Impfen oder Nicht-Impfen? Und wenn ja - wogegen? Spätestens ein paar Wochen nach der Geburt eines Kindes kommt man um die Beantwortung solcher Fragen nicht herum.

Auch Filmemacher David Sieveking sieht sich kurz nach der Geburt seiner Tochter mit dem Thema konfrontiert: Seine Partnerin zögert, dem Kind die anstehenden Impfungen zu verpassen.

Ihre Zweifel und Ängste sind diffuser Natur. Nach einer eigenen, schlechten Erfahrung fühle sich einfach unwohl damit, dem gesunden Kind Krankheitserreger zu verpassen. Zudem seien die Impfstoffe mit "Metallen" versetzt - gemeint sind Aluminiumsalze, die einigen Impfstoffen als Wirkverstärker zugesetzt sind. Obwohl Vater Sieveking grundsätzlich weniger Bedenken hat, wird schnell deutlich, dass beide wenig über Vorteile und Risiken des Impfens Bescheid wissen. "Recherchier das mal", beauftragt die Mutter den jungen Vater - und der Ausgangspunkt für eine neue Dokumentation à la Sieveking ist gesetzt: "Eingeimpft" lautet der Titel des Films.

Der Filmemacher wählt dabei einen sehr persönlichen Zugang, wie auch schon in seinen preisgekrönten Vorgängerdokus: 2010 ergründete er in "David wants to fly" das Wesen der Transzendentalen Meditation. 2012 begleitet er in "Vergiß mein nicht" filmisch die letzten Lebensjahre seiner an Alzheimer erkrankten Mutter. Nun also Impfen. Sieveking macht sich von der Kamera begleitet auf Recherchereise, trifft Kinderärzte, Impfstoffhersteller, Forscher oder den Vorsitzenden der deutschen Impfkommission am Robert-Koch-Institut.

Zumindest bei jungen Eltern trifft er mit diesem Thema einen Nerv, denn es wird wie kaum ein zweites auf Spielplätzen, in Kitas, unter Freunden und innerhalb der Familie häufig und oft hitzig diskutiert. Nach ihrer Einführung galten Impfungen für viele Jahrzehnte als Segen, dank der derer tödliche Krankheiten endlich wirksam bekämpft, sogar ausgerottet werden konnten. Heute hingegen hört man allzu oft auch Stimmen von Impfgegnern, für die die Vorsorge im besten Fall überflüssig ist, im schlimmsten Fall sogar schwere Erkrankungen nach sich zieht.

Sievekings Recherche gewinnt an Dringlichkeit, als quasi vor der eigenen Haustür der Kleinfamilie Masern ausbrechen. Darf man jetzt noch eine Impfung verweigern? Spielt man mit der Gesundheit des eigenen Kindes oder der von anderen? Sieveking wiederholt damit viele der Fragen, um die es in jeder Impfdiskussion geht. Auf der Suche nach Antworten lässt er die unterschiedlichen Experten zu Wort kommen. Die zur Schau gestellte Ratlosigkeit des Filmemachers ist dabei zunächst einmal durchaus sympathisch, weil sie Bedenken ernst nimmt und keine vorschnellen Klarheiten suggeriert. Selbstironisch, teils belustigt, gewährt er bei seinen Recherchen auch Einblicke in das Berlin-Kreuzberger Hipster-Leben, dessen Sorgen der Filmemacher anscheinend selbst manchmal nicht ganz ernst nehmen kann.

Ausgemachte Impfgegner kommen in dem Film nicht zu Wort. Wohl aber Skeptiker, etwa ein anthroposophischer Kinderarzt, der die Sorgen der Eltern versteht, weil das Impfen einfach nicht natürlich sei. Oder eine junge Frau, die nach einer Impfung ein chronisches Erschöpfungssyndrom entwickelt hat - womöglich aufgrund der dem Impfstoff zugesetzten Wirkverstärker. Ob der Film Impfskeptikern eine unnötig laute Stimme verleiht und wissenschaftlich nicht begründete Zweifel an der Sinnhaftigkeit von Impfungen verbreitet - darüber wird schon vor dem Start des Films unter Wissenschaftlern und anderen Experten diskutiert. Eine bessere Werbung dürfte es kaum geben.

Sieveking selbst weist den Vorwurf in einem vorab veröffentlichten Statement zurück. "Ich bin keineswegs gegen das Impfen. Ich bin dafür, dass die Impfprogramme verbessert werden und mehr Aufklärung betrieben wird." Der Filmemacher zieht aus seinen Recherchen am Ende seine eigenen Schlüsse für die Impfung seiner - mittlerweile zwei - Kinder. Das wirkt etwas beliebig und in etwa so diffus wie die Sorgen der jungen Mutter am Anfang. Und es belegt, dass es beim Thema Impfen leider häufig mehr um Glaube und Weltsicht geht als um wissenschaftliche Erkenntnis. Der fachlich nicht bewanderte Zuschauer wird den Kinosaal am Ende vermutlich ebenso schlau verlassen, wie er ihn betreten hat. Den Streit ums Impfen, so viel steht fest, wird dieser Film nicht ausrotten.

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