Die Grenzen zur Kunst werden fließend

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Annette Stiekele

Erstmals erhält die Sammlung Design Räume in einem neuen Konzept - Glanzstück ist die "Spiegel"-Kantine

Für das heutige Auge dürfte der Anblick der "Spiegel"-Kantine ein blendender sein. Derart grell erstrahlt die vielförmige Wohnskulptur in Rot, Orange und Violett. Gleichzeitig fügt sie sich hervorragend in die heutige Retrowelle. Der dänische Designer Verner Panton richtete 1969 das gesamte Verlagshaus des "Spiegels" in Hamburg mit einer eigens entworfenen Innenarchitektur ein. Mit dem Umzug des "Spiegels" in ein neues Gebäude erhielt das Museum für Kunst und Gewerbe das unter Denkmalschutz stehende Ensemble. Dieses einzigartige Zeitdokument der 1960er-Jahre wird nun in einem eigenen Raum Glanzstück der "Sammlung Design und "Spiegel"-Kantine", die am 19. Oktober neu eröffnet wird.

Erstmals erhält die Sammlung, kuratiert von Claudia Banz, Leiterin der Abteilung Kunst und Design der Moderne, eigene Räume im zweiten Stock des Museums. 1000 von insgesamt 10 000 Objekten aus der Zeit von 1945 bis heute werden ständig zu sehen sein. Im Zuge der Neueröffnungen wichtiger Sammlungsbereiche 2012 kommt mit der Sammlung Design die Geschichte der angewandten Kunst in der Gegenwart an und greift die zukunftsweisenden Themen Recycling, globale Massenproduktion oder Zusammenhänge von Handel, Konsum und Kapital auf.

Ursprünglich gestaltete Panton das ganze "Spiegel"-Verlagshaus. Nach und nach wurde der Stil bis auf die Kantine wieder zurückgenommen. Zu zeitgeistig, lautete das Urteil. Bis heute steht die Kantine für die Euphorie der 60er, die sich im Fahrwasser von Mondlandung und Flower-Power verbreitete.

Als Kontrapunkt zur "Spiegel"-Kantine widmet sich ein weiterer "Period Room" den Entwürfen des deutschen Industriedesigners Dieter Rams, der für das gegenteilige Prinzip stand, "Less is more", also eine reine Zweckform, die aber hohen ästhetischen Ansprüchen genügte. Flankiert werden diese Räume von einem 50 Meter langen Archiv, einem Schaudepot und Wissensspeicher für Formen und Materialien. Alltagsobjekte vom Toaster über den Plattenspieler bis zu Schreibmaschine, Studioglas und Studiokeramik finden hier Platz.

In den vier Denkräumen "Innovation", "Ressourcen", "Subversion" sowie "Design und Kommunikation" geht es darum, das Thema Design auch erstmals im gesellschaftlichen Kontext zu verorten. "Innovation" gibt Auskunft darüber, wie sehr Design stets dem Fortschritt verpflichtet ist. Eindrucksvoll zeigt dies die Entwicklung der Audiogeräte, die vom großen Grammophon bis zum MP3-Player einer radikalen Miniaturisierung unterzogen wurden. Sie steht beispielhaft für die "Ästhetik des Verschwindens", die mit dem Aufkommen der Digitalisierung erst möglich wurde.

Der Denkraum "Ressourcen" reflektiert die Zeit nach der Ölkrise 1973, die die Kunststoffeuphorie ins Wanken brachte. "Design bedeutet eben auch eine ethisch-moralische Verantwortung im Umgang mit dem Material", sagt Claudia Banz. Gestaltung greift immer mehr in alle Lebensbereiche ein. Die Idee der Nachhaltigkeit wird zum gesellschaftlichen Leitbild und veranlasst viele Designer, neue Strategien zu entwickeln. So entwarf Frank Gehry etwa seinen "Wiggle Chair" aus Pappe. Hier kommen Phänomene ins Spiel wie "Secondary Use" oder die Initiative des "Base Pyramid Design", zu dem das Projekt "One Laptop per Child" gehört.

Unter dem Einfluss von Subkulturen der 1960er-Jahre wie Pop und Punk wurde mehr Kommunikation zwischen Objekt und Betrachter gefordert, Stichwort "Subversion". In Italien entstand das radical design, in England integrierte Vivienne Westwood Punkelemente in ihre Modeentwürfe. Das ästhetisch Korrekte wurde ironisch gebrochen. Die Idee des subversiven Designs zog das Autorendesign nach sich. Die Grenzen zur Kunst wurden fließend.

Das Thema "Design und Kommunikation" behandelt schließlich Aspekte wie Branding und Corporate Design, das heißt die Instrumentalisierung der Gestaltung für Handel, Kommerz und Kapital. Logos werden für Firmen unverzichtbar. Soundbranding verschafft Sendungen wie "Tagesschau" oder "Tatort" mit der immer gleichen Melodie ein Wiedererkennen.

Der Sammlung angegliedert ist außerdem ein Laboratorium, in dem Besucher Musik hören, lesen, Dinge ausprobieren, an Workshops teilnehmen oder einfach das grelle Orange der "Spiegel"-Kantine und andere Eindrücke in Ruhe nachwirken lassen können.

Neueröffnung "Sammlung Design und ,Spiegel'-Kantine" ab 19.10., Museum für Kunst und Gewerbe, Steintorplatz, Di-So 11.00-18.00; Do 11.00-21.00