Wo die Ahnen gegenwärtig sind

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Matthias Gretzschel

Das Maori-Haus Rauru wird glanzvoll neu präsentiert

Die Besucher werden sich ihm mit Respekt nähern, denn schon die neue Raumarchitektur macht deutlich, dass es sich um ein herausragendes Werk handelt, um ein Objekt, das Kunst und Religion, Schönheit und Ahnenverehrung, Ästhetik und die traditionelle Kultur eines fernen Volkes auf einzigartige Weise verbindet: Ab Anfang Oktober wird das auf der neuseeländischen Nordinsel entstandene Maori-Haus im Museum für Völkerkunde glanzvoll und auf eine völlig neue Art und Weise präsentiert.

"Außerhalb von Neuseeland gibt es wenige Beispiele der Maori-Architektur. Und das Hamburger Haus ist das größte und prachtvollste dieser Häuser. Das wollen wir unseren Besuchern vermitteln, indem wir dieses Kunstwerk als eines der Hauptwerke unserer Sammlung in den Blickpunkt rücken", erläutert Wulf Köpke, Direktor des Museums für Völkerkunde.

Rauru wird das Hamburger Maori-Haus nach dem Ahnen genannt, dem dieses traditionelle Versammlungshaus gewidmet ist. Wer einmal erlebt hat, wie Maori mit diesem Haus umgehen, wird verstehen, dass es für sie beseelt ist, eben kein Gegenstand, sondern ein lebendes Wesen, in dem die Geister der Ahnen präsent sind. Jedes Bauteil repräsentiert ein Körperglied. So ist der Dachfirst das Rückgrat, und wer die Frontgiebelfigur betrachtet, sieht dem Haus Rauru gewissermaßen ins Gesicht.

Dabei hat das Haus eine merkwürdige Geschichte, die in die Mitte des 19. Jahrhunderts zurückreicht. Damals entschloss sich Te Waru, eine prominente Persönlichkeit des Stammes der Ngati Whaoa, eine schöne junge Frau zu heiraten. Da er zu Ehren seiner Braut ein großartiges Werk schaffen wollte, beauftragte er zwei begabte Künstler mit einem whare whakairo. Das ist die Bezeichnung für ein mit zahlreichen aufwendigen Schnitzereien verziertes Versammlungshaus angereichert mit religiöser Symbolik.

Aber Te Waru sollte dieses Haus kein Glück bringen, und daran war er selbst schuld: Da er grob fahrlässig gegen die rituellen Regeln verstieß, verstarb seine junge Frau plötzlich. Im Laufe der folgenden Jahren verlor er sogar noch zwei weitere Ehefrauen. Erst jetzt, nach diesem Schlicksalsschlag, akzeptierte Te Waru die Macht der Ahnen und ließ das Haus daher lange Zeit unvollendet.

Erst 1897 erwarb der in Neuseeland lebende Schwede Nelson das Fragment und ließ es in Rotorua, wo er ein Touristenhotel betrieb, von begabten jungen Schnitzern vollenden. Deren Stil hatte sich bereits weiterentwickelt, außerdem legte Nelson Wert darauf, neben den Bildern der Ahnen auch die Mythen der Menschen in Rotorua mit in das Bildprogramm einzubeziehen, das damit zu einem viel umfassenderen Zeugnis der Maori-Kultur wurde.

Um das Haus von seinem Fluch zu befreien, wurde 1900 eine große Einweihungszeremonie abgehalten. Das Werk erhielt den Namen Rauru. Kurz darauf bot Nelson es jedoch zum Kauf an, was Georg Thilenius, dem Direktor des Völkerkundemuseums, die Chance gab, es für Hamburg zu erwerben. Die Stadt bezahlte dafür den damals enormen Betrag von 35 000 Reichsmark.

Im August dieses Jahres sind Nachkommen der ursprünglichen Schnitzer nach Hamburg gekommen, um Rauru zu restaurieren und zu sehen, wie das Museum künftig mit ihm umgehen wird. Dabei erfuhren Sie, dass dies mit Respekt geschehen wird - und mit großer Bewunderung.

Haus Rauru Einweihung mit Fest am 7. Oktober, 11.00, Museum für Völkerkunde, Rothenbaumchaussee 64, Di-So 10.00-18.00, Do bis 21.00