Hommage: Kasimir Malewitsch (1878-1935)

Das vermeintliche Nichts

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Eine Schau zeigt den Einfluss des Schwarzen Quadrats auf die Kunst der Nachkriegszeit.

Nur wenige Kunstwerke des 20. Jahrhunderts haben erfahren, was heute mit Nachhaltigkeit umschrieben wird. Nicht nur bei ihrem Publikum, sondern auch in der Künstlerschaft zeigen diese Inkunabeln der jüngeren Kunstgeschichte eine bis heute ungebrochene Wirkung. Eines dieser Kunstwerke ist unzweifelhaft Kasimir Malewitschs Schwarzes Quadrat, das er 1915 zum ersten Mal entwarf. Zum einen prophezeite der Künstler (1878-1935) selbst seinem Werk eine folgenschwere Dimension, zum anderen wurde und wird es bis heute in der Kunst massiv reflektiert, weitergedacht oder ironisch kommentiert. Dieser Rezeption innerhalb der bildenden Kunst geht die Schau "Das schwarze Quadrat. Hommage an Malewitsch" in der Kunsthalle nach. Neben Malewitsch und Zeitgenossen zeigt sie vor allem, wie sich die Künstlergenerationen nach 1945 auf Malewitschs Schwarzes Quadrat bezogen. Das Absolute, die Leere, die totale Abgründigkeit - Schlagworte, mit denen Malewitschs Bild zur Genüge kommentiert wurde. Doch das keineswegs akkurat gemalte Schwarze Quadrat bedeutet mehr als nur das Aufklaffen eines vermeintlichen Nichts, das Auslöschen der bis dato gültigen Bildordnungen. Für den Künstler markierte es darüber hinaus einen Wendepunkt von der gegenständlichen zur ungegenständlichen, von einer mimetischen zu einer sich selbst schaffenden und erzeugenden Kunst.

"Ich habe mich", bekannte Malewitsch anlässlich der Ausstellung "0,10" in Petrograd, auf der zum ersten Mal sein Meisterwerk ausgestellt wurde, "auf die Null der Form reduziert und bin darüber hinausgegangen, von 0 auf 1." Für Malewitsch hatte dies tiefe Umwälzungen zur Folge. Unter anderem ließ er wissen: "Der Künstler selbst ist ein Vorurteil der Vergangenheit."

Um die Ausgangssituation von Malewitschs spezifischem Ikonoklasmus visuell erfahrbar zu machen, werden Besucher der Ausstellung zunächst auf eine St. Petersburger Hängung stoßen, eine Wand zugepflastert mit Salonmalerei des 19. Jahrhunderts.

Dieser manifestierte Horror Vacui soll Malewitschs Verlangen nach absoluter Substanz angesichts der immensen Bilderflut seiner Zeit nachvollziehbar machen. Und bereits im angrenzenden Raum trifft man dann auf Malewitschs radikale Antworten. Neben dem Schwarzen Quadrat, seiner dritten Version von 1924, hängen zudem das Rote Quadrat, der Schwarze Kreis und das Schwarze Kreuz. Alle vier Bilder waren für seine Lehre des Suprematismus bedeutend, der höchsten und ungegenständlichen Kunst, wie sie Malewitsch vorschwebte. Aber der Raum hier soll nicht zum Andachtsraum mutieren. Vielmehr tritt bereits der erste Bezug zur Gegenwart auf: eine Take-away-Arbeit von Felix Gonzalez-Torres, die das Publikum zum Mitnehmen von quadratischen weißen und rechteckigen roten Papierbögen auffordert. Wie bei Malewitsch die Gegenstände aus dem Bild verschwinden, so verschwinden bei dem jüngeren Künstler die "leeren Blätter" selbst. Nicht immer steht also das Schwarze Quadrat im Vordergrund, wenn es um ältere oder jüngere kunsthistorische Bezüge geht.

Von der Gegenwart zurück in die Vergangenheit führen die Räume, die Malewitsch und Zeitgenossen wie El Lissitzky vorbehalten sind. Hier werden die Entwicklung des Schwarzen Quadrats aus Malewitschs Mitarbeit an der Oper "Sieg über die Sonne", das gleichzeitige Streben der russischen Künstler nach einer ungegenständlichen und konstruktiven Kunst sowie einige der imposanten Architekturmodelle gezeigt, die Malewitsch aus unterschiedlich großen Kuben entwickelte. Der größte Teil der Ausstellung widmet sich dem Einfluss des Quadrats auf die Kunst der Nachkriegszeit. Filme von Samuel Beckett, Videos von Bruce Nauman oder frühe, bis heute nie gezeigte Arbeiten von Franz Erhard Walther belegen die immense Sogkraft von Malewitschs Bildsetzung auf spätere Generationen.

Auch ein textiler Lichtschalter von Claes Oldenburg zitiert den russischen Künstler, der stets vor einer Verwechslung des Bildes mit seiner tragenden Idee warnte. "Das Quadrat", so Malewitsch, "ist nicht das Bild, so wie der Schalter und der Stecker auch nicht der Strom sind."Von Günther Ücker sind mehrere Arbeiten, darunter ein zugenageltes Quadrat sowie ein entsprechender Würfel, vertreten. Die Gruppe Zero, Yves Klein, Robert Ryman, Piero Manzoni, Lucio Fontana und vor allem Künstler aus dem Umfeld von Minimal und Concept Art wie Richard Serra, Sol LeWitt, Donald Judd und Carl Andre steuern weitere Werke bei, für die Malewitschs Quadrat und die damit verbundene Kunstvorstellung Anregungen lieferten. Berücksichtigt werden ebenso kritische wie ironische Reaktionen auf eine übertrieben weihevolle Huldigung der schwarzen Ikone. Fehlen darf nicht Sigmar Polkes Klassiker, in dem ihm höhere Wesen befahlen, die rechte obere Ecke des Bildes schwarz zu malen. Schließlich huldigt die slowenische Gruppe Irwin Malewitsch mit einer besonderen Installation: Die historische Aufnahme des aufgebahrten Künstlers rekonstruiert sie als Installation im Maßstab 1:1.

Flankiert wird die Ausstellung von zwei Satelliten: zum einen von der Gerhard-Merz-Arbeit an der Decke im Treppenhaus des Neubaus, zum anderen von Gregor Schneiders schwarzem Würfel auf der Plattform zwischen Altbau und Galerie der Gegenwart. Schneider wollte den an die Kaaba erinnernden Würfel bereits auf der Biennale in Venedig 2005 zeigen. Die Realisation wurde aber - vermutlich aus politischen Gründen - untersagt. Nun feiert sie ihre Verwirklichung.

  • Kunsthalle , 23.3.-10.6.