Mutiger "Engel der Gefangenen"

Rathaus: Eine Ausstellung würdigt Opfer und Widerstandshelfer im Nationalsozialismus. Die KZ-Gedenkstätte Neuengamme erinnert in einer Schau an die norwegischen Häftlinge in Fuhlsbüttel und die Hamburgerin Hiltgunt Zassenhaus, die ihnen unter Lebensgefahr half.

Sie schmuggelte nicht nur Papier und Schreibzeug ins Zuchthaus. Im Herbst 1942 erhielt die vereidigte Dolmetscherin Hiltgunt Zassenhaus von der Hamburger Justiz den Auftrag, die Post der in Fuhlsbüttel von den Nationalsozialisten inhaftierten Norweger zu überwachen. Doch der zur Zensur bestellte Spitzel wandelte sich zum "Engel der Gefangenen". Die Lehrerstochter aus Othmarschen hat mit ihrem Einsatz als Helferin der Pastoren der Norwegischen Seemannsmission zahlreichen Häftlingen das Überleben ermöglicht. Nach dem Krieg beschrieb sie in ihrem ersten Buch "Halt Wacht im Dunkel", erschienen 1947, das Erlebte, genoß in Dänemark und Norwegen hohes Ansehen. Sie wurde mit dem St.-Olavs- und dem Danebrog-Orden ausgezeichnet und erhielt 1969 auch das Bundesverdienstkreuz.

Im Auftrag der Hamburger Bürgerschaft erarbeitete Herbert Diercks, wissenschaftlicher Mitarbeiter in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme, die Ausstellung "Die unsichtbaren Helfer: Die Hamburgerin Hiltgunt Zassenhaus und die Norwegische Seemannsmission im Einsatz für die in Fuhlsbüttel 1940-1945 inhaftierten Norweger." Sie wird im Vestibül des Rathauses ab 25. Januar gezeigt - zum Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus. 48 Tafeln dokumentieren in Biographien der Gefangenen, Aktenstücken, Briefen und Fotos den Krieg im Norden, die Nazi-Besetzung, den Widerstand und den Einsatz von Zassenhaus und der Seemannsmission für die norwegischen Häftlinge.

Über 1000 skandinavische Gefangene in Hamburg, Rendsburg und weiteren deutschen Zuchthäusern besuchte Zassenhaus nahezu täglich mit einem der beiden Pastoren aus der Seemannsmission. Sie setzten sich über Verbote hinweg. Zassenhaus, die sich rasch das Vertrauen der Justizverwaltung erworben hatte, ersetzte bald das Wachpersonal, deckte die Pastoren und stand sozusagen Schmiere für die Seelsorge. Gemeinsam leiteten sie - von der Gestapo argwöhnisch observiert - Botschaften an die Familien weiter, versorgten die Häftlinge mit Vitaminpillen, Medikamenten, Essen und Kautabak. Was vielleicht noch viel wichtiger war: Durch ihre Tatkraft und den tröstlichen Zuspruch stärkten sie den Durchhaltewillen ihrer Schützlinge. Viele der Gefangenen verdanken den "unsichtbaren Helfern" das Überleben der Haft.

Obwohl zweimal von der Gestapo vorgeladen, konnte Zassenhaus jeglichen Verdacht durch kluges Taktieren zerstreuen. Sie listete die Namen aller ihr bekannten skandinavischen Häftlinge in Deutschland auf und ließ die heimliche Kartei im Februar 1945 dem Schwedischen Roten Kreuz zukommen. Dessen Präsident Graf Folke Bernadotte erreichte von Heinrich Himmler die Entlassung der Gefangenen, die von Fuhlsbüttel über das damalige Häftlingslager Neuengamme in den "Weißen Bussen" ihre Heimat wieder erreichten.

Bereits 1943 begann Zassenhaus - trotz ihrer belastenden Widerstandsarbeit und durchwachter Bombennächte - an der Hansischen Universität das Studium der Medizin. Nach dem Krieg setzte sie ihr Studium in Norwegen und Dänemark fort und absolvierte die Doktorprüfung in Kopenhagen. 1952 wanderte sie in die Vereinigten Staaten aus, wurde Internistin in Baltimore, brachte 1974 ihren Roman "Ein Baum blüht im November" heraus. Das vielfältige Rahmenprogramm zur Ausstellung - mit Führungen, Vorträgen und Filmpremieren - beginnt mit einem Vortrag von Herbert Diercks zur Ausstellung am 27. Januar um 18 Uhr im Rathaus (Raum 186).

Aber auch der norwegische Pastor Conrad Voigt-Svensen aus der Seemannsmission hat seine Erinnerungen niedergeschrieben: "Med Guds ord i fiendeland". In einem Kapitel des Buchs "Mit Gottes Wort im Feindesland" erzählt er von einem Erlebnis 1944 in der Haftanstalt Dreibergen bei Bützow. Die Deutschen rüsteten zur Gegenoffensive: "Jetzt mußte unsere Gegenoffensive einsetzen", schreibt er. "Unser Spiel mit den Behörden war so lange gelaufen, daß wir das Risiko eingehen konnten." Im Besuchszimmer stellte Hiltgunt Zassenhaus das Göringbild einfach in die Ecke. Dann öffnete sie ihren Koffer, holte Leuchter, Kerzen, ein paar Blumen und Tannenzweige heraus und schmückte den Raum. Sie deckte einen üppigen Festtisch mit Würstchen und Butter aus Dänemark, Sardinenkonserven aus Norwegen und amerikanischen Zigaretten, die in der Mission gesammelt worden waren.

"Und während diejenige, die unsere Wärterin sein sollte, darauf aufpaßte, daß uns niemand überraschte, feierten wir Weihnachten . . . Ich werde niemals die Gesichter vergessen, als sie den so merkwürdig verwandelten Besuchsraum sahen."

  • Die unsichtbaren Helfer, Ausstellung der KZ-Gedenkstätte Neuengamme in der Rathausdiele, 25.1.-16.2.2006, mo-fr 10-18, sbd/ so 10-13 Uhr, Eintritt frei.

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