Schlagzeilen

Kritik und Verantwortung

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Uwe Bahnsen

60 Jahre engagierter Journalismus: von Artikeln mit Langzeitwirkung bis zur ideologischen Reibungsfläche

Mit zuweilen bangem Blick schlagen viele Hamburger Politiker, Unternehmer und Behördenlenker jeden Morgen die Hamburger Tageszeitungen auf: Wie wird mein eigenes Wirken beurteilt? Wie ist die Kommentarlage? Und manchmal soll es in der eigentlich so rechtschaffenen Hansestadt auch Mitbürger geben, die etwas zu verbergen haben. Und gerade auf die haben es die Springer-Journalisten seit jeher abgesehen - und die Stadt durch ihre investigativen Geschichten im Laufe der Jahrzehnte geprägt.

Die Zeitungen aus diesem Verlagshaus haben dabei stets für sich in Anspruch genommen, dass sie bei aller Bereitschaft zur Kritik, wo sie erforderlich war, ihre Mitverantwortung für den Zustand dieses Gemeinwesens Freie und Hansestadt Hamburg nicht außer Acht gelassen haben. Das wurde und wird manchmal unterschiedlich interpretiert, auch innerhalb der Redaktionen. Dennoch ist es ein klar erkennbarer Leitfaden der journalistischen Tagesarbeit, und zuweilen hat das zu Beiträgen geführt, die über den Tag hinaus Wirkungen entfalteten.

Das galt zum Beispiel für einen am 28. Juli 1962 erschienenen Drei-Sterne-Artikel im damaligen "Tagesbericht" der Welt, dem heutigen Hamburg-Teil, in dem ein zunächst anonymer Autor sich über den Zustand und die Befindlichkeit seiner Vaterstadt ausließ. Dieser "Brief an Hamburger Freunde", ein Gastbeitrag, ist berühmt geworden und wird noch heute häufig zitiert. Der Verfasser war Helmut Schmidt, damals Innensenator.

Hamburg hat dramatische Ereignisse erlebt in diesen sechs Jahrzehnten, und die Zeitungen des Hauses Springer sind eine Fundgrube für zeithistorische und stadtgeschichtliche Spurensuche. Zwei spektakuläre Ereignisse des Jahres 1962 sind in das kollektive Bewusstsein der Stadt und weit darüber hinaus eingegangen - die Flutkatastrophe und die Spiegel-Affäre. Und zwei Begriffe brachten die Stadt bundesweit in die negativen Schlagzeilen: der "Hamburger Kessel", die rechtswidrige Einkesselung von Kernkraftgegnern am 8. Juni 1986 auf dem Heiligengeistfeld, und 1982 die "Hamburger Verhältnisse" als Synonym für eine parteipolitisch begründete Pattsituation, in der eine in der Wahl erfolgreiche Partei, damals und 1986 noch einmal die CDU, gleichwohl nicht imstande war, die Regierung zu stellen.

Senats- und Koalitionskrisen, Bürgermeister-Rücktritte, Skandale und manchmal auch Skandälchen ließen in diesen sechs Jahrzehnten zuweilen das Rathaus beben, und im Wettstreit um Exklusiv-Nachrichten waren die Zeitungen des Hauses untereinander die härtesten Konkurrenten, die man sich denken kann - auch das bis heute. Mal hatte und hat das Hamburger Abendblatt die Nase vorn, mal Bild und Bild am Sonntag, mal die beiden "blauen" Blätter Welt und Welt am Sonntag.

Hamburg hat eine weit zurückreichende Geschichte als aufklärerische Zeitungsstadt. Sie begann schon 1618, als der "Fracht- und Güterbestätter" Johann Meyer, ein Fuhrunternehmer, bei dem Hamburger Drucker Paul Lange ein periodisches Nachrichtenblatt unter dem Titel "Wöchentliche Zeitung auß mehrerley örther" herausbrachte. Um 1700 fand ein Zeitgenosse: "Und zwar so sind die Hamburger Gazetten wohl die vollkommensten gewesen, welches auch in einer so florierenden Handels-Stadt, die ihre Schiffe in alle Ecken der Welt gehen lässet, am leichtesten seyn können." Axel Springer, der Verlegersohn aus Altona, konnte sich also auf eine lange, fest gefügte Tradition der Pressemetropole Hamburg stützen, als er 1948 mit dem Hamburger Abendblatt seine erste Tageszeitung aus der Taufe hob. Er wollte mit dieser "Zeitung für alle" nicht nur Geld verdienen. Genauso wichtig war ihm, den durch die Niederlage demoralisierten Deutschen zu geben, was sie genauso dringend brauchten wie Nahrung, Kleidung, Wohnraum: Hoffnung und Zuversicht, Orientierung in der Demokratie, dieser damals für sie neuen Staatsform. Die Zeitungen, seine Zeitungen, sollten im Dienst ihrer Leser stehen und zugleich ein Wächteramt wahrnehmen. Nie wieder staatliche Gewalt ohne Recht und Gerechtigkeit, nie wieder staatlich organisierte Lüge und Unterdrückung der Wahrheit - das war das Credo. Axel Springer hatte viel Sympathie für den stolzen Satz von Thomas Jefferson (1743-1826), dem dritten Präsidenten der USA: "Wenn ich zu entscheiden hätte, ob wir eine Regierung ohne Zeitungen oder Zeitungen ohne eine Regierung haben sollten, so würde ich ohne Zögern das Letztere vorziehen."

Das neue Verlagshaus an der Kaiser-Wilhelm-Straße sollte eine Zitadelle dieser Pressefreiheit werden, und so ist es gekommen. Die Zeitungen, die hier in diesen sechs Jahrzehnten gemacht wurden, waren stets - und sind bis heute - kritische, zuweilen auch sehr kritische Wegbegleiter der Regierenden, und mancher der Rathaus-Regenten hat das zu spüren bekommen und daraus einen Groll auf die "Springer-Presse" hergeleitet. Aber das Unsinnige an dieser Vokabel war stets, dass sie unterstellte, die Zeitungen dieses Verlagshauses seien einem straff durchgesetzten Verlegerwillen mit dem Ziel einheitlicher Nachrichtengebung und Kommentierung unterworfen. Das Gegenteil war und ist Tag für Tag zu besichtigen und damit zu beweisen. Und so ist längst offenkundig, dass es sich um einen ideologischen Kampfbegriff, aber nicht um eine Beschreibung dessen handelt, was viele Hunderttausende Leser Tag für Tag erreicht.