Kunst im Bau

Von Kokoschka bis Stella

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Matthias Gretzschel

Moderne und zeitgenössische Kunst setzt im Verlagshaus Akzente und spiegelt zugleich die Firmenhistorie wider

Die abstrakte Wandgestaltung im Foyer des Verlagshauses Axel Springer in Hamburg korrespondiert mit einem sehr konkreten Bekenntnis: 1956 schuf der Hamburger Künstler Wilhelm Haerlin nicht nur ein aus abstrakten Elementen bestehendes Mosaik, das den Zugang zu Paternoster, Fahrstuhl und Treppenhaus wirkungsvoll flankiert, sondern zugleich auch eine Schrifttafel mit dem deutschlandpolitischen Credo des Verlegers: "Die Einheit des Vaterlandes in Freiheit, das ist unser Auftrag. Wir sind aufgerufen, dem Unrecht zu widerstehen und dem Recht Geltung zu verschaffen."

Das Mosaik, das die renommierte Berliner Firma August Wagner ausführte, entsprach dem ästhetischen Empfinden der 50er-Jahre und konfrontierte Mitarbeiter und Besucher des Verlagshauses gleich im Foyer mit zeitgenössischer Kunst, die für das Verlagshaus von Anfang an eine große Rolle gespielt hat. Im zwölften Stockwerk ließ Axel Springer vor seinem Büro Lithografien von Pablo Picasso aufhängen. Dass dieses Bekenntnis zur Moderne damals auch auf Befremden stoßen konnte, zeigen die teilweise verständnislosen und manchmal auch empörten Reaktionen des Hamburger Publikums auf die erste Picasso-Ausstellung, die die Kunsthalle 1956 zeigte. Zwei Jahre später wandte sich Axel Springer an den Expressionisten Oskar Kokoschka mit der Idee, eine Hamburg-Ansicht vom 13. Stockwerk des Verlagshauses aus zu malen. Kokoschka nahm den Auftrag gern an und schuf ein eindrucksvolles Panorama mit den Türmen von St. Nikolai und St. Michaelis (1966 malte Kokoschka auch eine Ansicht vom Berliner Verlagshaus.) Das Kokoschka-Gemälde zählt längst zu den bedeutendsten Darstellungen des Hamburger Stadtbildes.

Als die Axel Springer AG 1997 zwischen Caffamacherreihe und Kaiser-Wilhelm-Straße ihren Erweiterungsbau einweihte, war das erneut mit einem Bekenntnis zur aktuellen Kunst verbunden: Für die Wandgestaltung der Eingangshalle gewann das Unternehmen mit Frank Stella einen der renommiertesten Gegenwartskünstler. Der Amerikaner überzog die vier jeweils 35 Quadratmeter großen Wandflächen mit einer abstrakten Collage in fließenden, teilweise gitterartigen Formen. Diese technoiden und dennoch organisch anmutenden Gebilde in leuchtenden Farben ergeben ein viel bewundertes, spektakuläres Werk, das von dem geheimnisvollen Rosengarten "Lilar" aus Jean Pauls Roman "Titan" inspiriert worden ist. Auf die Frage, wie die dynamischen Gitterformen entstanden sind, gab Frank Stella anlässlich der Einweihung seines Werks eine verblüffende Antwort: "Diese Formen stammen vom Zigarettenrauch. Ich blase dafür Ringe in eine extra angefertigte Kiste. Hier werden sie von sechs Seiten gleichzeitig fotografiert. Diese Ansichten setzt der Computer dann in eine dreidimensionale Form um."