Architektur

Ein Symbol für Aufbruchsstimmung und Zukunftswillen

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Gisela Schütte

Das Axel-Springer-Verlagshaus und sein architektonischer Stellenwert

Fritz Höger schuf mit dem Chilehaus in den 20er-Jahren das spektakulärste Kontorgebäude der Hamburger Innenstadt. Der Architekt Ferdinand Streb (1907-1970) hatte den Mut, einen Kontrapunkt in die Neustadt zu setzen: das neue Verlagshaus, das er von 1953 bis 1955 in einer Arbeitsgemeinschaft mit Peter Pruter am Schnittpunkt der Kaiser-Wilhelm-Straße und der Fuhlentwiete für Axel Cäsar Springer errichtete.

Dabei erhebt sich das Haus am Schnittpunkt zweier Straßen wie ein Ozeanriese. Das Gebäude schmiegt sich in den Straßenverlauf, und es ist geschossweise gestaffelt. Der aufragende Bug des Hochhauses setzt die städtebauliche Dominante. Und beide Häuser entstanden zu ihrer Zeit im Gebiet von Gängevierteln, die sich zu neuen Geschäftsstandorten wandelten.

Doch Strebs Verlagshaus ist alles andere als ein Abklatsch der Höger-Idee: Setzte der Baumeister der 20er-Jahre auf erdenschweren, norddeutschen Klinker, hinter dem sich das Eisenskelett verbarg, so entschied sich Ferdinand Streb für eine Verkleidung mit noblen Marmorriemchen, aber eben nicht repräsentativ glänzend, sondern dezent und rau. Und der Stahlbetonskelettbau zeigt nach außen ganz offen sein klares, fortschrittliches Raster. Streb stellte das Flaggschiff des Verlages am Kopf auf hohe Pfeiler. Und so ragt der Neubau 42 Meter in die Höhe. Die Stirnseite des Gebäudes besteht aus Stahlrahmen mit Mattglas. An der Fuhlentwiete lag ursprünglich hinter Glas die Druckerei mit den Rotationsmaschinen, auf der Südseite dagegen legte Ferdinand Streb die Toreinfahrten zum Hof für Lieferanten an.

Imponierend ist das Entree an der Spitze, eine leichte, repräsentative Säulenhalle mit Empore. Sie ist geschmückt mit abstrakten Mosaikbildern, die Axel Springer bei dem Maler Wilhelm Haerlin in Auftrag gab. Der Verleger bedankte sich beim Künstler "für die Sichtbarmachung des Schönen". Und Max Grantz würdigte in seiner Architekturgeschichte der 50er-Jahre die Halle wortkarg, aber bewundernd: "Vorhalle sehenswert".

Der helle, aufragende Bau des Verlagshauses ist ein Symbol für die Aufbruchsstimmung der 50er-Jahre. Er steht nicht nur für ein aufstrebendes Medienunternehmen, sondern auch für den Zukunftswillen der Hansestadt. Hamburgs früherer Denkmalpfleger, Manfred F. Fischer, beschrieb das Konzept so: Der "Baukunst der erregten zwanziger Jahre setzt das Springer-Haus die Baukunst der optimistischen fünfziger Jahre entgegen. Der Medienkonzern tritt im Gewand einer neuen, hellen Bürohaus-Moderne strahlend, selbstbewußt und offen gegen die düsteren Kaufmannskontore des Backsteinexpressionismus an." Streb-Biografin Karin von Behr zitierte in einer 1990 erschienenen Monografie gar den Hamburger Architekten Uwe Köhnholdt mit den Worten: "Das Verlagshaus Axel Springer ist das einzige wirklich großstädtische Gebäude nach dem Krieg in Hamburg." Der gebürtige Bayer Ferdinand Streb, der in den 30er-Jahren eine Zeit lang in Paris bei Le Corbusier arbeitete, war in Hamburg überaus aktiv, und das mit Stadtbild-prägenden Bauten. Er war an den Grindel-Hochhäusern beteiligt, dem ersten Hochhausquartier in der Hansestadt, das er mit den bekanntesten seiner Zeitgenossen realisierte. Er errichtete den Alsterpavillon, bis heute ein Paradebeispiel der 50er-Jahre-Architektur, und er schuf Versicherungsbauten, Villen sowie Konzernzentralen wie das Verlagshaus in der Neustadt, das seit 1996 unter Denkmalschutz steht.