Kreativer Treffpunkt

Geschichten aus dem Newsroom

Lesedauer: 3 Minuten
Philip Volkmann-Schluck

Die neue Kommunikationszentrale des Hamburger Abendblatts

Hans Raczinski war erst kurz im Job, als das Hamburger Abendblatt seine erste Revolution startete. Aus Sorge, die Zeitung könne von schnelleren Medien, etwa dem Fernsehen, überholt werden, erschien es ab 1971 nicht mehr nachmittags, sondern frühmorgens. Der nächste Umbruch folgte 1983: Hans Raczinski, eigentlich ausgebildet, um Artikel in Blei zu setzen, arbeitete nun am Computer.

Noch immer arbeitet Hans Raczinski hier. Seit einem Jahr gestaltet er im modernsten Newsroom Europas die Seiten von Hamburgs Zeitung. Gedruckt erscheint sie noch immer frühmorgens, zugleich aber auch rund um die Uhr im Internet. Hier, im siebten Stock des Axel-Springer-Hauses, blickt Raczinski auf den Turm der Nikolaikirche und sagt gelassen: "Die Arbeit wird leichter, denn die großen Veränderungen habe ich schon hinter mir."

Der Journalistikprofessor Siegfried Weischenberg bezeichnet den Newsroom als logische Entwicklung. "Früher fand die Herstellung der Zeitung weitgehend außerhalb der Redaktion statt, etwa in Setzereien. Die Revolution war, dass Redakteure selbst am Bildschirm die Seiten bestückten." Dies habe sich bis heute nicht grundsätzlich geändert. Weil aber mittlerweile mehrere Medien, Internet oder Zeitung, beliefert werden, sei eine andere Organisation erforderlich. "Der intensivere Austausch zwischen Redakteuren, das ist der Sinn des Newsrooms." Ein Neuigkeitenzimmer also, in dem keine Nachricht, ob über Agentur, Fernsehen oder von einem atemlosen Reporter zum Chef getragen, den Redakteuren entgeht, die an der Zeitung von morgen oder dem Online-Artikel von heute sitzen.

An 54 Bildschirmen auf 400 Quadratmetern arbeiten Chefredakteur, Ressortleiter, Blattmacher und Online-Redakteure gemeinsam. In einem Fernsehstudio schneiden Video-Redakteure ihre Beiträge. Crossmedia, die kreative Verbindung von Text, Bild und Ton, ist die Chance aller Medien, Zuhörer und Leser anzusprechen.

Etwas Besonderes beim Abendblatt sind auch die zwölf hochauflösenden Bildschirme, die auf Knopfdruck Fernsehsendungen und andere Bildschirminhalte projizieren. So kann die Redaktion zeitgleich ein wichtiges Sportereignis und Nachrichten verfolgen, während andere die Fotos und das Layout der Seiten prüfen. "Früher waren die Ressorts wie kleine Fürstentümer über das Haus verteilt. Für Rücksprachen musste ich durch endlose Gänge laufen oder telefonieren", sagt Layouter Raczinski.

Das Herzstück des Newsrooms sind aber nicht die Bildschirme, deren Technik vergänglich ist, wichtig ist vor allem der Austausch zwischen Mitarbeitern. Diese rückten näher zusammen, als klar wurde: E-Mail und Telefon können Gruppengespräche nicht ersetzen. Wird eine Nachricht oder gar Sensation bekannt, frönen Journalisten, gleich ob aus Politik, Kultur oder Sport, ihrer Leidenschaft: schlaue Dinge sagen. Was ist der Schwerpunkt des Artikels? Wird er heute online veröffentlicht oder morgen exklusiv in der Zeitung?

Wie man mit einem historischen Ereignis umgeht, wurde auch am 20. Juli 1969 diskutiert: Der erste Mensch betrat den Mond, und das Abendblatt brachte eine Extraausgabe am frühen Morgen heraus. Doch neben Geschichten über andere Himmelskörper besteht die Arbeit auch im Newsroom eher aus den täglichen Expeditionen in die Realität. Dafür erkunden die Reporter auf der Suche nach neuen, exklusiven, aber auch unterhaltsamen und lehrreichen Geschichten die Stadt.