Bedeutet Jahwe nun Herr oder Gott?

Eine Gruppe von 40 Theologen arbeitet an einer neuen BIBELÜBERSETZUNG: Die Rolle der Frauen und jüdische Traditionen sollen stärker berücksichtigt werden. Das macht die Texte nicht immer verständlicher. Ann-Britt Petersen D ie Bibel soll neu übersetzt werden. Knapp 500 Jahren nachdem Martin Luther die Heilige Schrift ins Deutsche übertrug, will ein Kreis von Theologen und Theologinnen mit dem Projekt "Bibel in gerechter Sprache" eine moderne Übersetzung erarbeiten; mit "gerecht" ist gemeint, die Bedeutung der hebräischen und griechischen Urtexte genauer zu betrachten. Für die Lübecker Bischöfin Bärbel Wartenberg-Potter ist das Bibel-Projekt, dessen Fach-Beirat sie angehört, eine zutiefst reformatorische Arbeit: "Die Reformation begann mit einer Bibelübersetzung, Luther machte das Wort verständlich und stellte es in den Vordergrund", sagt sie. In der neuen Übersetzung solle das Wort den Menschen wieder zugänglich werden: "Damit sind wir die geistigen Söhne und Töchter Martin Luthers." Projektleiterin der neuen Bibelübersetzung ist die Pfarrerin Hanne Köhler. "Eins unserer Hauptanliegen ist, diejenigen Menschen und Gruppen wieder verstärkt ins Licht zu rücken, die am biblischen Alltag beteiligt waren, in bisherigen Übersetzungen aber übersehen wurden", sagt sie. Dazu gehören vor allem die Frauen. Weder bei Luther noch in späteren Übersetzungen wird "die Rolle und die Arbeit der Frau genügend sichtbar", so Bischöfin Wartenberg-Potter. Dabei gebe es in der Bibel viele Stellen, die belegen, dass Frauen präsent und an der Verbreitung des Glaubens beteiligt waren. Beispiel: Im Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Rom sind 14 Männer und 13 Frauen namentlich genannt, die wie Paulus Jesu Botschaft verkünden. In der Luther-Übersetzung jedoch spricht Paulus die Gemeinde mit "Brüder" statt mit "Brüder und Schwestern" an. Oder: Im selben Paulusbrief ist aus dem weiblichen Apostel Junia ein männlicher Junias geworden. Nach Luthers Übersetzung (Römer 16,7) schreibt Paulus: "Grüßt Andronikus und Junias, meine Stammverwandten und Mitgefangenen, die berühmt sind unter den Aposteln und schon vor mir in Christus gewesen sind." "Es gibt aber in der Antike keinen Hinweis auf einen Junias, dafür mehr als 250 Belege dafür, dass der Frauenname Junia existierte", so Hanne Köhler. Auch Jüngerinnen sollen in der "gerechten" Übersetzung ausdrücklich genannt werden. "Dass es neben den Jüngern auch Jüngerinnen gab, die Jesus folgten und dienten, wird in der Forschung heute nicht mehr bestritten", sagt Hanne Köhler. Besonders während der Passions- und Ostergeschichte sind Frauen die beständigsten Begleiterinnen von Jesus. Im Johannes-Evangelium, Kapitel 20, Vers 20, in dem Jesus nach der Auferstehung seinen Schülern und Schülerinnen erschien, müsste daher stehen: "Da freuten sich die Jüngerinnen und Jünger, dass sie Jesus sahen." Ein anderer Aspekt ist der Gottesname. Dass Luther das hebräische Jahwe mit Herr übersetzte, führt nach Auffassung der Projektteilnehmer zu einer einseitigen Vorstellung von Gott. "Es verengt die Gotteserfahrung, wenn Gott nur mit dem Bild des Herrn oder Königs verbunden wird", so die Bischöfin Bärbel Wartenberg-Potter. Im Urtext gibt es viele Namen für Gott, der wesentliche Name Jahwe bedeutet "Ich bin da" - ein Ausdruck für Gottes Erfahrbarkeit. Er gibt aber keine bestimmte Erscheinungsform vor: Gott kann sich also auch in einer Frau offenbaren. Das heißt allerdings nicht, dass Gott eine Frau ist : "Die Bibel sagt, Gott ist Geist, Gott ist Liebe. Alle männlichen, weiblichen oder sächlichen Bezeichnungen sind nur ein Versuch, die Erfahrung Gottes zu beschreiben", so die Bischöfin. Auch die jüdischen Traditionen und Lesarten der Bibel sollen stärker berücksichtigt werden. Das führt jedoch stellenweise zu sehr komplizierten "Modellen". Beispiel: Im hebräischen Urtext des Buchs des Propheten Jesaja, Kapitel 42, 1-9 stehen Konsonanten, für Gott ; die Juden sprechen sie aus Ehrfurcht nicht aus; stattdessen verwenden sie im Alten Testament andere Namen, etwa adonaj . In einer neuen Übersetzung könne statt Gott auch ein Sonderzeichen stehen: Gott/adonaj , so einige der Projektteilnehmer. "Die Leser der Bibel müssten dann entscheiden, wie sie die Stelle verstehen", sagt Hanne Köhler. An dem Projekt beteiligt sind rund 40 Theologinnen und Theologen, die schon mehrere Jahre Bücher der Bibel erforschen und für das Projekt übersetzen. Auch die zehn Herausgeber und der 15-köpfige Fachbeirat sind Theologen mit verschiedenen Spezialgebieten (vom Alten Testament bis zur feministischen Theologie). Erscheinen soll die neue Bibel 2006. Am Ende wird aber wohl nicht die "einzig richtige Übersetzung" herauskommen, weil Forschung und neue Sprachgewohnheiten immer wieder Revisionen nötig machen. "Wir wollen die Bibel auch nicht neu schreiben", so Hanne Köhler, "wir wollen aber dem Urtext so nahe wie möglich kommen." Kritiker wie der Tübinger Prof. Walter Jens haben bereits bemängelt, dass manche Übersetzungsvorschläge für Laien nicht nachvollziehbar und nicht praktikabel seien. "Dass es neben den Jüngern auch Jüngerinnen gab, die Jesus folgten und dienten, wird in der Forschung heute nicht mehr bestritten."