Museum für Völkerkunde

Fotos bringen Verborgenes ans Licht

Foto: Sandro Vannini

Das Völkerkundemuseum zeigt Sandro Vanninis brillante Fotografien altägyptischer Gräber und Kunstwerke

Nie zuvor hat man die altägyptischen Kunstwerke so deutlich und detailliert sehen können. Wer jemals das Tal der Könige in Luxor oder das dringend sanierungsbedürftige Ägyptische Museum in Kairo besucht hat, weiß, wie stark die jahrtausendealten Kunstwerke durch den Massentourismus bedroht sind. Jahr für Jahr drängen sich Besucher aus aller Welt durch die Gräber, deren Malereien durch Licht, aggressive Stäube und Atemluft immer stärker beschädigt werden. Fünf Millionen Menschen besuchen jedes Jahr das Ägyptische Museum, freilich ohne die Chance, die Kunstwerke in Ruhe zu betrachten.

Im Vergleich dazu ist der Italiener Sandro Vannini in einer privilegierten Situation. Seit mehr als 13 Jahren hat er als offizieller Fotograf der Kairoer Antikenverwaltung exklusiven Zugang zu den altägyptischen Grabanlagen und kann dort unter optimalen Bedingungen arbeiten. Mit modernster Digitaltechnik fotografierte er die Gräber mit ihren Ausmalungen, aber auch die Schätze im Ägyptischen Museum, und holte dabei Details ans Licht, die dem Betrachter gewöhnlich leider verborgen bleiben. "Auch die Künstler selbst haben ihre Werke niemals so sehen können, denn sie arbeiteten im Dunkel der Gräber und ihre Öllampen beleuchteten immer nur einen kleinen Ausschnitt", sagt Vannini.

Eine Auswahl von 60 seiner ein bis drei Meter großen Farbfotografien sind jetzt in der Ausstellung "A Secret Voyage: Geheimnisvolles Ägypten - Eine Fotoreise ins Land der Pharaonen" im Museum für Völkerkunde zu sehen. Sie entstanden in Zusammenarbeit mit Dr. Zahi Hawass, dem langjährigen Chef der ägyptischen Altertumsverwaltung, der sie in seinen auf 700 Exemplare limitierten Kunstband "A Secret Voyage" aufgenommen hat. Die Ausstellung ist in die Themenschwerpunkte "Liebe", "Schönheit", "Feste im Alten Ägypten", "Antike Zeiten am Nil", "Universum", "Unterwelt" und "Leben nach dem Tod" gegliedert und gibt einen umfassenden Einblick in das Leben und die Vorstellungen der altägyptischen Zeit.

"Schon seit 150 Jahren sind die ägyptischen Altertümer Thema der Fotografie, aber Vanninis Bilder haben eine so unglaubliche Schönheit und Brillanz, dass man von einem Quantensprung sprechen kann", erklärt der Ägyptologe Dr. Wolfgang Wettengel, der die seit Herbst 2009 erfolgreich laufende Repliken-Schau "Tutanchamun - Sein Grab und die Schätze" im Gebäude der alten Oberpostdirektion wissenschaftlich begleitet.

Dass Vanninis Foto-Ausstellung zum Begleitprogramm der Repliken-Schau gehört, macht schon deshalb Sinn, weil sie einen ähnlichen Ansatz verfolgt: In beiden Fällen geht es nicht um die von Massentourismus bedrohten Originale, sondern um deren Kopien oder Fotografien, die gleichwohl einem großen Publikum die Bedeutung und den ästhetischen Reiz der ägyptischen Altertümer nahebringen sollen. Das Völkerkundemuseum ist schon deshalb ein idealer Ort für diese Ausstellung, weil es über eine eigene, vor anderthalb Jahren neu gestaltete Alt-Ägypten-Abteilung verfügt, die sich als ideale Ergänzung zur Foto- und Repliken-Schau anbietet. Mit mehr als 500 teilweise sehr bedeutenden Originalexponaten steht die Sammlung im norddeutschen Raum einzigartig da.

Der Aufbau der Abteilung begann im Jahr 1903 mithilfe der Deutschen Orient Gesellschaft, die damals zahlreiche Objekte von ihren Ausgrabungen im 20 Kilometer südlich von Kairo gelegenen Pyramidenbezirk Abusir nach Hamburg schickte. Zu den ersten Stücken zählten Wandreliefs aus Grabanlagen, Grabbeigaben sowie Särge. Noch im selben Jahr erhielt das Museum die Mumie des Amunpriesters Chonsu-maa-cheru, die der Hamburger Kaufmann und Diplomat Martin Rücker Jenisch im ägyptischen Antikenhandel erworben hatte. Kaum in Hamburg eingetroffen, wurde die Mumie mit den damals modernsten Methoden wissenschaftlich untersucht: Der Radiologe Heinrich Albers-Schönberg nahm hier eine der ersten Untersuchungen mit der damals noch völlig neuen Röntgentechnik vor und stellte dabei fest, dass es sich um die gut erhaltene Mumie eines erwachsenen Mannes handelte. Die Ausstellung zeigt unter anderem Objekte zum Thema Balsamierung. Neben der jenseitigen Welt dokumentiert das Museum auch das alltägliche Leben, was wiederum interessante Vergleiche zu anderen Kulturen ermöglicht.

Bei so viel Ägypten-Begeisterung wirkt die drohende Abschaffung des renommierten Fachbereichs Ägyptologie an der Hamburger Universität umso unverständlicher. Über 10 000 Ausstellungsbesucher haben dagegen protestiert und Zahi Hawass schloss sich ihnen mit folgenden Worten an "Hamburg ist eine Stadt der Ägyptologie! Bitte lassen Sie nicht zu, dass es zu dieser Schließung kommt!"

Dass Hamburg tatsächlich eine Stadt der Ägyptologie ist, beweist das jetzige Ausstellungsangebot, das die Möglichkeit bietet, die Repliken der Tutanchamun-Ausstellung am Stephansplatz und Vanninis brillante Großfotografien mit den Originalen der neu gestalteten Dauerausstellung im Völkerkundemuseum in Beziehung zu setzen und zu vergleichen - eine einzigartige Chance für all jene, die sich für die altägyptische Kultur interessieren.

A Secret Voyage: Geheimnisvolles Ägypten - Eine Fotoreise ins Land der Pharaonen Museum für Völkerkunde, Rothenbaumchaussee 64, bis 22.9., Di-So 10-18, Do 10-21 Uhr