Auto-Design

Bei den Neuen regiert das Mittelmaß

Das Design von Renault Twingo und Ford Ka bestach einst durch Unverwechselbarkeit. Die Mittelmäßigkeit im Design ist der Tribut an die Idee vom Weltauto, das an jedem beliebigen Standort produziert werden kann.

Die halbkreisförmigen Scheinwerferaugen und sein breites „Lächeln“ verzückten 1992 beim ersten Messeauftritt des Twingo ganz Paris – und bald ganz Europa. Vier Jahre später traf der in derselben Klasse antretende Ford Ka auf gemischtere Reaktionen. Die unter Leitung des frisch zum neuen Ford Europa-Designchef ernannten Claude Lobo entwickelte „Knutschkugel“ polarisierte mit ihrem neuen „New Edge Design“.

Für Paolo Tumminelli, Professor für Design Konzepte an der Köln International School of Design, ist der Ka ebenso wie der Mini von 1959, der Panda von 1980, der Twingo von 1992 und der VW Up von 2011 mehr Designobjekt als Automobil. Und ein absolutes Unikat.„Seine ikonische Linie prägte zugleich den Designstil der 1990er-Jahre, wie er unter anderem vom französischen Designer Philippe Starck bestimmt wurde.” In der Tat erinnert die Form der unverwechselbaren Ka-Scheinwerfer auffallend an die von Starck hörnerförmig zugespitzte Tischleuchte „Ará” für Flors von 1988.

Insgesamt verkaufte Ford 1,46 Millionen Einheiten ein Ergebnis, das der 2008 eingeführte zweite Ka bis zu seiner Ablösung im nächsten Jahr auch nicht annähernd erreichen wird. Weil er sich die Plattform mit dem Duo Fiat 500/Panda teilt und wie dieses im polnischen Fiat-Werk Tychy bei Kattowitz produziert wird, mussten die Ford Designern mit Kompromissen leben. Vom Charisma des Ur-Ka ist nicht mehr viel übrig, vielmehr erscheint er wie ein aufgequollenes, weil zu heiß gebackenes Brötchen.

Kleinwagen haben schon immer wenig Rendite abgeworfen. Und so hatten es ihre Designer traditionell schwer denn je, sich gegen die Erbsenzähler in den Entscheidungsgremien durchzusetzen. Was dabei herumkommt, zeigen die künftige – und dann dritte – Generation des Ka und die Zweitauflage des Twingo. Beim ersten Twingo hatte sich der damalige Designchef Patrick le Quément noch gegen den Widerstand von Produktplaner und Projektleiter durchsetzen können. Beide hatten gefordert: „Das Auto wirkt wie aus einem Cartoon, die Front ist nicht ernsthaft genug, wir müssen dem Twingo das Lächeln aus dem Gesicht wischen“. Das Lächeln blieb. Und der Twingo wurde zum Liebling aller Alters- und Einkommenklassen, bis 2007 verkaufte Renault den kleinen Charmeur fast 2,5 Millionen Mal. Doch 15 Jahre später dann die Retourkutsche: Beim Designentscheid für den Nachfolger erhielt der wohl mutloseste von sechs Entwürfen für den Twingo II den Zuschlag.

Die Mittelmäßigkeit im Design ist der Tribut an die Idee vom Weltauto, das an jedem beliebigen Standort mit identischer Qualität produziert werden kann. Und sowohl in Bombay wie Bangkok, Berlin oder Belo Horizonte alle Geschmacksnerven trifft. Das brasilianische Ford-Designcenter Camaçari verpasste dem Ka einen trapezförmigen „Aston Martin“-Grill. Doch was am Fiesta richtig gut aussieht, wirkt hier ebenso wie die weit nach oben gezogenen Scheinwerfer großspurig. Und am Heck scheint ein Hauch 1er-BMW durch. Ab 2015 wird das 3,62 Meter lange Auto nach Deutschland kommen.

„Kleinwagen bieten heute eigentlich alles, was gut und nützlich ist. Trotzdem werden sie zunehmend wie Kühlschränke und Waschmaschinen gestylt und vermarktet“, beklagt Twingo-Vater Patrick le Quément. Und hat damit dennoch nur halb recht. Denn dass ein Kompakter trotz des immer stärker wirkenden Kostendrucks noch immer Design- und Qualitätsausrufezeichen setzen kann, beweist VW mit dem im modernen Bauhaus-Stil gestylten Up.