Mercedes 300 SL

Hans Kleissl ist der Herr der Flügel

Foto: HK-Engineering

Mit Perfektion und Besessenheit restauriert Hans Kleissl die Klassiker Mercedes 300 SL - und verkauft sie dann in die ganze Welt.

Hans Kleissl lässt den Motor des Flügeltürers an und berichtet von unglaublichen Preisen. Für Schrott. Für edelsten Schrott. "250.000 Euro bezahlen wir heute schon für einen verrotteten 300 SL, den unsere Suchagenten auf einem Schrottplatz in Los Angeles, auf einem verlassenen Grundstück in Brasilien oder in einer norddeutschen Scheune ausfindig machen", sagt der 58-Jährige. Selbst ausgebrannte Wracks kosteten mehr als der Flügeltürer SLS AMG, den Mercedes vor knapp zwei Jahren wieder aufgelegt hat und den es ab 180.000 Euro gibt.

Die Ein- und somit auch die Verkaufspreise für die legendären 300 SL Sportwagen von Mercedes aus den 1950er-Jahren sind in den vergangenen Jahren regelrecht explodiert, erklärt Kleissl, der sich auf die weitestgehend originalgetreue Restaurierung der Sportwagen spezialisiert hat. Die Nachfrage ist groß, das Angebot klein. Für Kleissl sind die Flügeltürer, von denen zwischen 1954 und 1957 nur 1400 Stück gefertigt wurden, und die Roadster (1858 Exemplare entstanden zwischen 1957 und 1963) "die schönsten und spektakulärsten Wagen, die jemals in einer deutschen Autofabrik vom Band gelaufen sind".

Er forscht und führt Dossiers über den Verbleib der Legenden auf vier Rädern, von denen bislang rund 600 Stück durch seine Hände gingen. Von rund 85 Prozent aller 300 SL weiß er, wo sie fahren, parken, wem sie gehören. Seine gut gesicherte Datenbank sei Millionen wert, betont Kleissl. Momentan fahndet die Szene noch nach rund 100 Wagen. "Sechs bis zehn 300 SL sind verloren", sagt der Experte. "Sie sind in China gelandet, wurden dort als Kulturgüter klassifiziert, dürfen nicht mehr ausgeführt werden. Schade drum."

Kleissl klappt nach einer rasanten Probefahrt die Tür des schwarzen Flügeltürers hoch, der gerade durch die Inspektion seiner Werkstatt gegangenen ist. Der Chef erledigt die Endabnahme immer selbst. Beim Fahren hört er, was mit dem Wagen ist, wo es noch hakt, sagt er. Mit dem Klang des Motors bei diesem schwarzen "Flügel" ist er noch unzufrieden. Sein Chefmechaniker nickt, macht sich Notizen. Der Besitzer, ein Italiener, holt morgen das Auto ab. Die Mechaniker müssen Überstunden machen. Der Motorsound soll perfekt sein. Und alles andere auch.

Für Kleissl ist es Beruf und Berufung, die Raritäten wieder zurück auf die Straße zu bringen. "Die 300 SL sind nicht nur Traumautos", sagt er beim Gang über den Hof, wo graue, schwarze, lindgrüne, rote, beige und blaue Coupés und Roadster in der Sonne glänzen. "Sie sind Antiquitäten, Kulturgüter, rollende Kunstwerke. Wenn es perfekt passt, verschmelzen Fahrer und Untersatz miteinander. Bei einem solchen Anblick läuft es mir kalt den Rücken runter, erlebe ich meinen ganz persönlichen Augenblick des größten Glücks." Genau daran arbeitet er. Hier in Polling in Bayern, zwischen Starnberger See und Ammersee gelegen. Auf dem 10 000 Quadratmeter großen Wirtschaftstrakt eines alten Klosters, den er vor 30 Jahren gekauft und dessen Stallungen, Scheunen und Mühle er nach und nach renoviert hat. Hier fand er die passenden Parkmöglichkeiten für sein atemberaubendes SL-Antiquariat.

In seiner Firma HK-Engineering, die sich fast ausschließlich um die legendären Sportwagen kümmert, beschäftigt er 35 Spezialisten aus Deutschland, Tschechien und Italien: Mechaniker, Motorentechniker, Karosseriebauer, Lackierer, Lederspezialisten. Sie restaurieren die Fahrzeuge, stecken bis zu 4000 Arbeitsstunden in so manches Wrack vom Schrottplatz. Ihr Lager mit Original-Ersatzteilen sei das am besten sortierte der Welt, sagen sie.

Die restaurierten Schönheiten werden für Preise zwischen 500.000 und 750.000 Euro verkauft - je nach Zustand, Vorbesitzer und Geschichte. Nach Korea, Argentinien, Brasilien, Australien, Südafrika, Russland, Amerika, Mexiko, Venezuela, Deutschland, Italien, Österreich, in die Schweiz und die Emirate. Der Aga Khan, Millionäre, Milliardäre sind seine Kunden.

Nur eines sei ihm wichtig, erklärt er mit leiser Stimme: "Perfektion." Er ist ein Besessener. Flügeltürer sind seine Passion. Seine Obsession. Sein Lebensgefühl. Er selbst besitzt neben rund 30, 40 anderen Oldtimern (so genau weiß er das gar nicht) selbst auch zwei "Flügel". Früher hatte er noch einen weiteren, "leicht gemacht und getunt", mit dem er bei Oldtimerrennen kräftig Gas gegeben und den Silberpfeil wieder auf die Rennpiste zurückgebracht hat.

Einer der Flügeltürer war mal im Besitz von Porfirio Rubirosa, einem der größten Playboys aller Zeiten. Rubirosa wurden Affären mit Marilyn Monroe, Soraya und Evita Peron nachgesagt. "Ist doch ein geiles Gefühl. Allein der Gedanke, dass die Monroe mal in meinem Auto mitfuhr", sinniert der Bayer und streicht sanft über den mattgrauen Lack des Wagens, der unverkäuflich ist.

Außer seinen eigenen stehen immer zwischen 40 und 50 der SL-Oldtimer in Kleissls Kloster. So eine Häufung sieht man sonst nirgendwo. Die Garagen und Verkaufsräume sind wahre Schatzkammern. In ihnen parken Kundenautos, die zur Reparatur oder zur Verschönerung hier sind. Und Autowracks, die Späher irgendwo aufgetrieben haben - in den USA, Italien, Mexiko, Brasilien, Ägypten oder gar im Libanon. Gerade mal in Kleissls Besitz gelangt, sind sie meistens schon weiterverkauft. Nur wenige Wagen warten länger als ein paar Wochen auf einen neuen Besitzer. Vor 14 Tagen war ein reicher Schwede hier. Er hatte von der SL-Manufaktur in Polling gehört. Wollte sich eigentlich nur mal umgucken. Als er wieder wegfuhr, war er Besitzer von gleich zwei 300 SL, einem Flügeltürer und einem Cabrio.

Vor ein paar Monaten hat Kleissl ein Flügeltürer-Wrack in Libyen ausfindig gemacht. Es stünde schon längst in Polling, wäre nicht der Krieg ausgebrochen. Kleissl hofft nun, dass Gaddafi bald entmachtet ist und wieder Frieden herrscht. Und er den Transport des 300 SL von Libyen nach Polling endlich in die Gänge leiten kann.