Berlin. Die Lautstärke in Restaurants nimmt zu. Das ist für Personal und Gäste nicht nur nervig, sondern auch eine Gefährdung ihrer Gesundheit.

Der Restaurantbesuch könnte so schön sein: Das Essen schmeckt, die Bedienung ist kompetent und die Begleitung nett. Wenn man sich nur nicht die ganze Zeit über den Tisch hinweg anschreien müsste. Das Problem dürften viele Menschen kennen, denn der Lautstärkepegel ist in Gaststätten in den letzten Jahren zu einem zunehmenden Problem geworden.

Das zeigt eine Umfrage des Reservierungsportals „Book A Table“ aus dem Jahr 2019. Von den 2000 befragten Restaurantbesuchern in Deutschland, Österreich und der Schweiz gab mehr als die Hälfte an, dass sie sich von dem Lärmpegel gestört fühlen würden. Weitere 20 Prozent seien je nach Stimmung empfindlicher für Lärm und selbst ein Viertel der eher toleranten Besucher empfinde zu viel Lärm als lästig und schätze eine angemessene Lautstärke.

„In den letzten zehn, zwanzig Jahren hat sich das Problem derart verschärft, dass Restaurantkritiker inzwischen auch den Geräuschpegel bewerten“, zitiert das „Zeit Magazin“ daher den Professor für Experimentalpsychologie Charles Spence. Das lasse sich aber nicht für alle Restaurants pauschalisieren, wie Mark Baumeister, Referatsleiter Gastgewerbe der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG), auf Anfrage dieser Redaktion erklärt. „Bei einer Pizzeria, die es seit dreißig Jahren gibt, wird es vermutlich keine große Veränderung geben“, sagt Baumeister.

Wieso es in Restaurants immer lauter wird: Das sagen Experten

Bei neu eröffneten Restaurants sei die Gefahr, dass es dort sehr laut ist, hingegen größer. Denn ein hoher Lärmpegel hinge vor allem mit der Innenarchitektur zusammen, wie Deutschlandfunk Nova berichtet. Und da momentan viele Restaurants auf eine minimalistische Inneneinrichtung mit kahlen Wänden aus Beton, Tischen ohne Tischdecken und kaum Trennwände setzten, böten sie dem Schall die „perfekte Kulisse“, um sich ungebremst auszubreiten, erklärt die Innenarchitektin Verena Kaup. Auch der NGG-Referatsleiter berichtet zum Beispiel von einer Filiale der L‘Osteria-Kette in Saarbrücken, die vor einigen Jahren im Stil einer alten Fabrikhalle eröffnet worden sei und in der Beschäftigte sich „massiv“ über die Lautstärke beschwert hätten.

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Denn um den Schall zu brechen, brauche es laut Kaup zum Beispiel Tapeten, Kissen oder Gardinen. „Je mehr weiche Materialien in einem Raum sind, umso mehr kann sich der Schall brechen. Weiche Materialien sind den harten wie Glas und Stahl gewichen. Auch, wenn das sehr gut aussieht, macht es einen akustischen Unterschied“, so die Innenarchitektin. Denn ein Raum funktioniere, vereinfacht gesagt, wie ein Verstärker: Der Schall, den Gespräche, Geschirrklappern und die eingespielte Musik erzeugen, springe von einer Wand zur anderen und schaukele sich, wird er nicht absorbiert, zu immer größerer Lautstärke auf, wie Jochen Steffens, Professor für musikalische Akustik an der Hochschule Düsseldorf gegenüber dem „Zeit Magazin“ sagte.

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    „Mit steigender Gästezahl, die ja eine ökonomische Frage ist, wird ein Abend dann schnell zur akustischen Katastrophe“, so der Akustiker. Das sei nicht nur ein Problem für Besucherinnen des Restaurants, sondern vor allem auch für Mitarbeitende, die dem Lärm den ganzen Tag lang ausgesetzt sind. Das zeigt auch die Studie „Branchenanalyse Gastgewerbe“ der Hans-Böckler-Stiftung aus dem Oktober 2023: Darin wurden rund 4000 Beschäftigte des Gastgewerbes befragt, welche Dinge sie im Arbeitsalltag als belastend empfinden – und mehr als 1300 von ihnen gaben an, dass Lärm, Hitze und Kälte eine solche Belastung darstellen.

    Wie Baumeister erklärt, könne ein hoher Lärmpegel außerdem auch Auswirkungen auf das Stresslevel der Beschäftigten haben. „Lautstärke ist grundsätzlich ein Stressfaktor“, sagt der Referatsleiter der Gewerkschaft. Da mehr als 2300 der Befragten – also mehr als die Hälfte – angaben, Zeitdruck und Stress seien ebenfalls eine Belastung, ist nicht von der Hand zu weisen, dass auch der hohe Lärmpegel einen Einfluss darauf hat.

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    Hoher Lärmpegel: Welche gesundheitlichen Auswirkungen er laut WHO haben kann

    Baumeister kritisiert deswegen, dass viele Betriebe keine richtigen Arbeitsschutzkontrollen durchführen würden und die Arbeitgeber sich besser um ihre Mitarbeitenden kümmern müssten. Denn wenn der Lärmpegel eine bestimmte Lautstärke erreicht – und das hat er in dem Restaurantbesuch des „Zeit Magazin“ mit durchschnittlich 84 Dezibel (dB) getan – , müssten Beschäftigte nach der Verordnung zum Schutz der Beschäftigten vor Gefährdungen durch Lärm und Vibrationen (LärmVibrationsArbSchV) zum Beispiel eigentlich einen Gehörschutz tragen.

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    Außerdem gerate der Körper durch eine solche Lautstärke in einen Alarmzustand. Tritt dieser regelmäßig auf, seien die Folgen laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) unter anderem Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Schlafstörungen. Bereits ab 55 dB spricht die WHO von einer hohen Lärmbelästigung mit Folgen für die Gesundheit. Diesen Problemen seien sich viele Restaurant-Inhaber zwar bewusst, so Akkustikprofessor Steffens gegenüber dem „Zeit Magazin“, aber sie würden sich vor den Kosten für die nötigen Umbaumaßnahmen und vor dem „Verlust der Lebendigkeit ihres Lokals“ fürchten. Laut Baumeister sei das Problem der hohen Lautstärke aber nur eines von vielen, das eine große Belastung für die Beschäftigten darstelle. „In der gesamten Branche kümmert man sich arbeitsmedizinisch im Prinzip grundsätzlich nicht wirklich um die Leute. Da muss sich wirklich etwas ändern“, so der Referatsleiter der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten.