Krankheit

UKE-Professor erklärt, was gegen Demenz helfen kann

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Chi To
Prof. Martin Scherer­ leitet das Institut für Allgemeinmedizin­ am UKE.

Prof. Martin Scherer­ leitet das Institut für Allgemeinmedizin­ am UKE.

Foto: Michael Rauhe

Bewegung, gesunde Ernährung und Verzicht aufs Rauchen können das Risiko senken. Warum eine Heilung noch nicht möglich ist.

Hamburg.  Ist Demenz bedingt behandelbar, aber nicht heilbar? Je älter unsere Gesellschaft wird, desto mehr rückt die Erkrankung in den Fokus der Aufmerksamkeit – die Zahl der Betroffenen steigt. Demenz führt zu Einbußen nicht nur an kognitiven, sondern auch an emotionalen und sozialen Fähigkeiten. Der Direktor des Instituts und der Poliklinik für Allgemeinmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Prof. Dr. med. Martin Scherer, erklärt im Interview, weshalb das Krankheitsbild der Demenz vielfältig und warum eine Heilung derzeit noch nicht möglich ist.

Hamburger Abendblatt: Herr Scherer, wie lässt sich der typische Krankheitsverlauf der Demenz beschreiben?

Prof. Martin Scherer: Die häufigste Form ist Alzheimer, gefolgt von der vaskulären Demenz. Es gibt aber auch Mischformen. Die Verläufe sind daher sehr unterschiedlich. Meist bahnt sich eine leichte kognitive Beeinträchtigung an. Von der Diagnose „Demenz“ sprechen wir aber nur dann, wenn zusätzlich zur Vergesslichkeit des betroffenen Kurzzeitgedächtnisses auch eine starke Störung des Alltags vorliegt, wie eine erhebliche Orientierungslosigkeit.

Welche Risikofaktoren erhöhen die Gefährdung, wie entsteht Demenz?

Scherer: Zahlreiche Ursachen lassen keinen eindeutigen Mechanismus erkennen, der Demenz auslöst. Gefährdet sind jedoch vor allem Personen mit kardiovaskulären Beschwerden, die auch ein erhöhtes Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall aufweisen, sodass vor allem die ältere Generation davon betroffen ist. Zudem ist das Risiko, an vaskulärer Demenz zu erkranken, erheblich höher bei Diabetes, Gefäßverkalkung und Arteriosklerose. Viel Bewegung, Rauchverzicht und eine gesunde Ernährung können hierbei vorbeugend wirken.

Ist eine Früherkennung der Demenz möglich und sinnvoll?

Scherer: Am UKE erforschen wir, inwiefern genetische Marker oder bestimmte Protein-konstellationen prädiktiv für Demenz sein könnten. Als problematisch sehe ich die unethische von diagnostischen Zen­tren gegen Entgelt angebotene Früh­erkennungs-MRT des Gehirns, welche Hinweise auf eine zukünftige Demenzerkrankung geben soll. Das Wissen über die vorausgesagte Wahrscheinlichkeit, daran zu erkranken, hat für Besorgte keinen Mehrwert, da selbst präventive Maßnahmen oftmals nicht greifen und einem nichts anderes übrig bleibt, als sich damit abzufinden.

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Wie steht es derzeit um die medikamentöse Versorgung? Weshalb konnte bisher kein Heilmittel gefunden werden?

Scherer: Da die Ursachen mannigfaltig sind, fand man bisher auch kein allumfassendes Heilmittel. Bei leicht- und mittelgradiger Demenz kann mittels Medikamenten versucht werden, die Krankheitsverläufe positiv zu beeinflussen. Zwar nicht kurativ, aber im Bestreben, die allgemeine Gesamtsituation der Patienten zu verbessern. Bei einer starken, degenerativen Demenz lässt sich hingegen ein irreversibler Abbau der Nervenzellen beobachten, diese können nicht mehr regeneriert werden.

Was ist die bestmögliche Behandlung, die den Patienten angesichts dessen zugesichert werden kann?

Scherer: Bei Demenz leidet oft das Kurzzeitgedächtnis, was mit einer grundlegenden Wesensveränderung der Betroffenen einhergeht. Alternative Ansätze neben der Medikation zielen darauf ab, das Langzeitgedächtnis durch Musik emotional zu reaktivieren, um die Patienten zeitweilig zurückzuholen. Auch Gedächtnisspiele werden eingesetzt, die mittels zerebraler Aktivierung das Erinnerungsvermögen der Senioren trainieren. Darüber hinaus begrüße ich effiziente Wohngemeinschaften und eine engmaschige Betreuung durch den Hausarzt und die Pflegekräfte.

Das UKE hat eine ambulante Spezialklinik für Gedächtnisstörung etabliert – was ist der Vorteil gegenüber der stationären Aufnahme?

Scherer: Was die Demenz teuer macht, sind vor allem die Krankenhauseinweisungen. In erster Linie führt nicht direkt die demenzielle Erkrankung zur Aufnahme, sondern die durch Demenz ausgelösten Folgebeschwerden. Oftmals geschieht jene auch aus Gründen der bloßen Überforderung des Personals in Pflegeheimen. Einweisungen werden aufgrund der hohen Infektionsgefahr jedoch nicht befürwortet. Zur verbesserten Versorgung der Patienten wurde daher die ambulante Klinik eingerichtet. So wird von uns eine optimale Versorgung gewährleistet.

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Was wollen Sie den Angehörigen Demenz­erkrankter gern mit auf den Weg geben?

Scherer: Für betroffene Familienangehörige ist die Krankheit eine belastende Herausforderung. Bisher vertraute Inter­aktionen mit ihren Liebsten sind aufgrund der fehlenden Erinnerung und Auflösung der Persönlichkeit äußerst schwierig. Doch viele sehen in den erwähnten Ansätzen, das Langzeitgedächtnis zu triggern und die Erkrankten dabei gelegentlich abzuholen, einen Silberstreif am Horizont. Die Schlüsselkomponente dafür liegt vor allem in der Fürsorge und liebevollen Zuwendung vonseiten der Familie.

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