Medikament

Cytotec: Gefahr für Babys durch Wehen-auslösende Tablette?

Das wehen-auslösende Magenmedikament birgt Risiken. (Symbolbild)

Das wehen-auslösende Magenmedikament birgt Risiken. (Symbolbild)

Foto: Mascha Brichta / dpa-tmn

Das Magenmittel soll in der Geburtshilfe genutzt werden, dabei sind heftige Nebenwirkungen bekannt – für Mutter und Kind.

Berlin. Die Geburt in einer deutschen Klinik gibt Frauen das Gefühl von Sicherheit. Doch nun wurde das Vertrauen erschüttert. In Deutschland nutzen Geburtsmediziner zur Einleitung der Wehen ein Medikament, das in der Geburtshilfe nicht zugelassen ist. Das könne zu schweren Komplikationen bei Mutter und Kind führen – bis hin zum Tod von Babys, berichten die „Süddeutsche Zeitung“ und der Bayerische Rundfunk.

In Einzelfällen seien nach der Gabe von Cytotec schwere Gehirnschäden wegen einer Sauerstoffunterversorgung des Kindes aufgetreten. In seltenen Fällen sei die Gebärmutter der Frauen gerissen. Mehrere Babys in Deutschland und Frankreich seien laut Gutachten, Fallberichten und Gerichtsurteilen gestorben, so der Bericht.

Zuständig für die Sicherheit von Arzneimitteln in Deutschland ist das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Bis Ende Oktober 2019 lagen der Behörde 74 Verdachtsmeldungen „unerwünschter Arzneimittelwirkungen in Zusammenhang mit Cytotec bei der Geburtseinleitung vor“, sagt Maik Pommer. Darunter sei ein Todesfall: Ein Neugeborenes sei vier Tage nach der Geburt durch eine Lungenblutung gestorben.

Die Behörde rät deshalb entschieden zum Einsatz von zugelassenen Arzneimitteln, dafür lägen Daten zur Wirksamkeit und Verträglichkeit vor. Aber verbieten könne sie die Verabreichung „wegen der Therapiefreiheit der Ärzte“ nicht.

Cyotec verursacht Komplikationen – das sagt eine Betroffene

Unter der stressigen Geburtssituation ist es oft nicht einfach zu verstehen, was passiert, berichtet eine Frau aus Thüringen. Ihr habe der Arzt nur gesagt, „es werde eine effektive Tablette verwendet. Eine Off-Label-Use-Tablette, um die Geburt schnellstmöglich einzuleiten“. Während der Geburt habe sie schriftlich bestätigt, dass ihr das Medikament verabreicht werden dürfe, sagt sie. „Ich war mir in der Situation weder bewusst, welche Tragweite die Einnahme des Medikaments bedeutet, noch dass es Alternativen zu der Tablette gegeben hätte“, sagt sie.

Nach der Einnahme kam es zu Komplikationen. „Die Herztöne von meinem Kind wurden schwächer, woraufhin ich einen Wehen-Hemmer bekam, um der Wirkung der Tablette entgegenzuwirken. Sogar zweimal nacheinander“, sagt sie. Nach zwei weiteren Stunden sei es dennoch zu einem Notkaiserschnitt gekommen. Gott sei Dank sei ihr Kind gesund auf die Welt gekommen.

Expertin: Über Cyotec wird oft nicht richtig aufgeklärt

Das Thema Aufklärung sei riesig, so Ruth Schultze-Zeu, Berliner Fachanwältin für Medizinrecht: „Bei der Gabe von Cytotec liegt in meinen Fällen immer eine fehlerhafte Aufklärung der Schwangeren vor.“ Etwa jeder zweite Geburtsschadensfall bei ihr betreffe Cytotec. Warum die Pille überhaupt gegeben wird? „Weil sie so viel billiger ist als die Alternativmittel zur Geburtseinleitung.“

Insgesamt sei die Zahl der Geburtseinleitungen in Deutschland mit mehr als 20 Prozent der Geburten viel zu hoch, sagt Michael Abou-Dakn. Er ist Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Geburtshilfe. „Aber wenn Einleitungen notwendig sind, ist Cytotec ein sehr wichtiges Medikament.“ Zahlreiche internationale Studien hätten den Nutzen belegt, sodass das Medikament guten Gewissens eingesetzt werden könne, „wenn nichts dagegen spricht, wie etwa eine vorherige Kaiserschnittgeburt“, sagt Abou-Dakn. Dann bestehe das Risiko, dass eine Naht in der Gebärmutter reiße

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