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Im Test: Diese Kopfhörer von Nura messen das Ohr aus

Foto: Getty Images / Universal Images Group/Getty Images

Ein australisches Start-up glaubt, den Kopfhörer revolutioniert zu haben. Die Firma setzt auf eine Technologie, die das Gehör ausmisst.

Berlin.  Gibt es den perfekten Klang? Seit Jahrzehnten versuchen Tontechniker Kopfhörer diesem zumindest anzunähern. Trotz aller technischer Fortschritte bleibt selbst bei teuren Modellen die Klangqualität oft ein Streitpunkt – immer findet sich jemand, der nicht ganz zufrieden ist.

Dabei geht es nicht nur um Geschmacksfragen, sondern schlicht um anatomische Unterschiede. Denn so, wie sich eine Ohrmuschel von der anderen unterscheidet, ist auch die Art, wie Menschen hören, sehr individuell.

Nura, ein Start-up aus Australien, will für dieses Problem jetzt eine Lösung gefunden haben – mit einer individuellen Abstimmung. Wir haben die neuartigen Nuraphones (399 Euro) getestet.

Jeder hört anders

Bei der Entwicklung von Kopfhörern ist es üblich, dass Audio-Experten sich deren Klang anhören und versuchen, ihn optimal einzustellen. Im Großen und Ganzen sorgt das für ein runderes Klangbild, aufgrund der Individualität des Gehörs aber liegt hier auch ein großes Problem.

Denn egal wie geschult das Gehör eines Experten ist – es wird zwangsläufig nicht für jeden Nutzer gut klingen.

Einstellmöglichkeiten sind nicht besonders fein

Seit einigen Jahren ist die digitale Audiotechnik soweit fortgeschritten, dass das Audiosignal direkt im Kopfhörer mit Filtern individuell angepasst werden kann. Über eine App lässt sich dann etwa regeln, ob der Bass angehoben oder die Mitten abgesenkt werden sollen.

Besonders fein sind diese Einstellmöglichkeiten nicht – den komplizierten Unterschieden im Gehör wird das nicht gerecht.

Luke Campbell, HNO-Chirurg, und Dragan Petrovic, Elektroingenieur, sahen das Problem ebenfalls. Und sie wollten es lösen. Deshalb setzten sie auf ein Verfahren, das das Gehör des Nutzers detailliert ausmisst und den Klang live im Kopfhörer entsprechend anpasst – das war die Geburtsstunde der Firma Nura und von den Nuraphones.

Der Akustische Fingerabdruck

Nuras Technologie liegt ein besonderes Gehör-Phänomen zugrunde: die sogenannten otoakustischen Emissionen (OAE). Die feinen Härchen der Hörzellen im Innenohr reagieren auf akustische Signale durch Bewegung – und erzeugen dabei selbst Geräusche.

Werden diese Ohrgeräusche mit dem ursprünglichen Signal verrechnet, lässt sich ein individueller Fingerabdruck des Gehörs ermitteln. Problem dabei: Die Ohrgeräusche sind äußerst leise, etwa 10.000 Mal leiser als das Eingangssignal.

Mikrofone sind teuerstes Bauteil der Kopfhörer

Erst seit kurzem ist Mikrofontechnik verfügbar, die ausreichend empfindlich ist, um ein genaues Hörprofil zu erstellen. Die Mikrofone seien auch die mit Abstand teuersten Bauteile in den Kopfhörern, sagt Petrovic. Die gleichen Mikrofone würden sogar von der Raumfahrtagentur Nasa für die aktuelle Marsmission genutzt.

Die neue Technologie erfordert allerdings auch Zugeständnisse bei der Konstruktion: Damit der Hörtest sicher funktioniert, muss das Mikrofon fest im Gehörgang sitzen und gleichzeitig von einer äußeren Ohrmuschel von Außengeräuschen abgeschirmt werden. Man trägt ein In-Ear- und ein Over-Ear-Modell gleichzeitig – also eines mit Ohrstöpsel und Ohrmuschel. Das macht den Sitz der Kopfhörer zumindest gewöhnungsbedürftig.

Klang und Funktion

Wer wissen will, ob die beiden Gründer mit ihrem Ansatz richtig liegen, muss in der App (iOS/Android) auf dem Smartphone zunächst einen kurzen Hörtest absolvieren. Anschließend wird ein individualisiertes Klang-Profil in den Kopfhörern hinterlegt. Insgesamt lassen sich drei Profile im Kopfhörer speichern, die Nuraphones können dann auch per Bluetooth oder per USB-Kabel an anderen Geräten genutzt werden.

Nach der Einrichtung ist der Klang hervorragend: Im Vergleich zu vielen anderen höherpreisigen Kopfhörern wirkt Musik hier noch etwas stimmiger, keine Frequenzbereiche drängen sich in den Vordergrund, einzelne Instrumente sind besser voneinander zu unterscheiden.

Auch die räumliche Breite der Musik nimmt deutlich zu. Dass es sich dabei tatsächlich um sehr individuelle Einstellungen handelt, hört man, wenn man das Profil eines anderen Nutzers auswählt. Das klingt für andere mitunter katastrophal.

Bassfrequenzen nicht aus dem Signal er Ohrstöpsel zugemischt

Anschließend bleibt nur eine Einstellmöglichkeit: nämlich wie druckvoll der Bass klingen soll. Der Schieberegler in der App heißt „Immersion Mode“ – regelt also, wie tief man in die Musik eintauchen möchte. Schiebt man ihn ganz nach rechts in Richtung „Erste Reihe“, beben tatsächlich die Ohrmuscheln, als Stünde man im Rockkonzert ganz vorn.

Dennoch dröhnt der Bass die Musik nicht zu. Grund dafür ist, dass die stärkeren Bassfrequenzen nicht dem Signal im Ohrstöpsel zugemischt werden, sie wummern stattdessen aus den Lautsprechern in der Ohrmuschel. Dadurch spürt man die tiefen Töne eher, als dass man sie direkt hört.

Das Rauschen ist nicht wahrnehmbar

Auch die aktive Geräuschunterdrückung, das sogenannte „Active Noise Canceling“ (ANC), profitiert von diesem Prinzip. Das Gegensignal, das die Geräusche ausblenden soll, wird nur über die Ohrmuschelhörer eingespielt.

So ist das sonst unweigerliche Nebenprodukt von ANC – ein feines Rauschen – in den Nuraphones nicht wahrnehmbar. Ganz so effektiv wie etwa bei Bose oder Sony funktioniert die Geräuschunterdrückung allerdings nicht.

Außengeräusche werden trotz Musikgenuss’ räumlich hörbar

Besonders überrascht haben die Hörer im Test mit der „Social Mode“-Funktion. Hier lassen sich die Außengeräusche aktiv in das Kopfhörersignal einblenden, damit man sich etwa unterhalten kann oder auf der Straße andere Verkehrsteilnehmer hört.

Prinzipiell kennt man das auch von anderen ANC-Kopfhörern. Bislang gelang es aber keinem, die Umwelt so natürlich und räumlich wiederzugeben. Hier hört man, welchen Unterschied die individuelle Gehöranpassung ausmachen kann.

Fazit

Die Nuraphones sind nicht nur ein merkwürdiger Gag. Sie bilden tatsächlich eine neue Gattung von Kopfhörern. Im Test bewiesen sie einen außerordentlichen Klang.

Wer hörbar besseren Klang will, muss gleich erheblich mehr Geld ausgeben, etwa für die KSE1500 vom Hersteller Shure (ab 2500 Euro). Dass die Nuraphones dennoch nicht uneingeschränkt zum Kauf empfohlen werden können, hat schlicht damit zu tun, dass nicht jeder Mensch einen Stöpsel im Ohr als angenehm empfindet.

Wer damit kein Problem hat und Kopfhörer in dieser Preiskategorie sucht, kann die Nuraphones in die engere Auswahl einbeziehen.