Forschung

Schmerzhafte Migräne durch neue Wirkstoffe bekämpfen

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Von Migräne Betroffene spüren es meist, wenn die Schmerzwelle auf sie zurollt. Neue Wirkstoffe sollen Attacken künftig ausbremsen.

Berlin.  Zehn Prozent der Menschen weltweit leiden unter Migräne, hinzu kommt eine hohe Dunkelziffer. Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist die Erkrankung eine der zehn häufigsten Ursachen, aufgrund derer Männer und Frauen jahrelang mit Einschränkungen leben. Noch gibt es kein gut verträgliches Mittel, das die schmerzhaften Attacken verhindert. „Der Bedarf an präventiv wirksamen Migränemedikamenten ist hoch“, sagt Dr. Andreas Böger, Chefarzt der Klinik für Schmerzmedizin der DRK-Kliniken Nordhessen in Kassel.

Bisher gebe es verschiedene vorbeugende Therapien, die jedoch ursprünglich zur Behandlung anderer Erkrankungen entwickelt worden seien, etwa gegen Epilepsie, Herzprobleme, muskuläre Erkrankungen oder Depressionen. „Häufig wird auch Botulinumtoxin angewandt“, sagt Böger. Das Nervengift wird etwa in der Neurologie verwendet, um überaktive Muskeln zeitweise ruhigzustellen. „Oft sind diese Therapieoptionen zwar wirksam, aber nicht gut verträglich und werden von vielen Patienten abgebrochen“, sagt Böger.

Bezeichnung „Impfung gegen Migräne“ führt in die Irre

Nun hoffen Böger und seine Kollegen auf drei Substanzen mit unterschiedlichen Wirkmechanismen für neue Prophylaxemedikamente, die zur Zulassung eingereicht worden sind. „Am weitesten fortgeschritten ist das Prüfverfahren für Erenumab“, sagt Dr. Astrid Gendolla, Fachärztin für Neurologie mit der Zusatzqualifikation Spezielle Schmerztherapie und Psychotherapie aus Essen. „Hier wird eine Entscheidung der europäischen Zulassungsbehörde für Sommer erwartet.“

Erenumab ist ein Antikörper, der die Weiterleitung von Schmerzsignalen beeinflussen kann, indem er einen Rezeptor mit dem sperrigen Namen Calcitonin-Gene-Related-Peptide (CGRP)-Rezeptor blockiert. Berichte über diese neue Wirkstoffklasse seien aber häufig irreführend, sagt Astrid Gendolla: „Die oft verwendete Bezeichnung ,Impfung gegen Migräne‘ legt nahe, dass man mit den neuen Medikamenten ,immun‘ gegen Migräne werden könnte“, so die Ärztin.

50-prozentiger Rückgang von Migräneattacken ist realistisch

Richtig sei, dass die neuen Wirkstoffe in regelmäßigen Abständen, etwa einmal im Monat, unter die Haut injiziert würden. „Dann können sie die monatlichen Migräneattacken deutlich reduzieren.“ Laut Gendolla funktioniert das so ähnlich wie die Insulininjektionen, die sich Diabetiker auch selbst geben können. Wird Erenumab im Juli oder August 2018 zugelassen, könnte es ab Oktober in Deutschland zur Verfügung stehen, schätzt die Schmerzexpertin.

„Die weiteren Therapieoptionen werden frühestens 2019 auf den Markt kommen – soweit man heute weiß.“ Andreas Böger erwartet von Erenumab eine gute vorbeugende Wirkung ohne wesentliche Nebenwirkungen: „Die Studienlage ist ermutigend. Ein circa 50-prozentiger Rückgang der Frequenz von Migräneattacken ist realistisch.“ Auch eine klinische Studie an 955 Patienten kommt zu dem Ergebnis, dass Erenumab die Zahl der Migränetage bei Betroffenen reduziert.

Stress bei der Arbeit oder im Familienleben vermeiden

Die Studie wurde im Fachmagazin „New England Journal of Medicine“ publiziert. Böger bremst indes zu hohe Erwartungen: „Wir wissen noch nicht, ob die Wirkstoffe zunächst für episodische oder chronische Migräne zugelassen werden – und wie die weiteren Bedingungen lauten“, sagt er. Seine Essener Kollegin Gendolla empfindet die neue Therapieoption vor allem als vielversprechend für Menschen, die an häufigen Migräneattacken leiden: „Diese haben in der Regel einige Versuche der medikamentösen Vorbeugung mit den bekannten Präparaten hinter sich.“

Die Ärztin sieht aber auch eine Reihe weiterer Möglichkeiten, Migräneattacken vorzubeugen – wenn deren individuelle Auslöser denn herausgefunden wurden: „Stellt sich beispielsweise heraus, dass der Betroffene durch Stress bei der Arbeit oder im Familienleben häufiger an Migräneattacken leidet, sollte er versuchen, einen entspannten Ausgleich für sich zu finden.“

Griff zu Ibuprofen ist naheliegend – aber nicht klug

Sport, Yoga oder gezielte Entspannungstherapien sind für sie Beispiele, deren Wirkung sogar teilweise wissenschaftlich belegt ist. Gendolla rät Patienten: „Probieren Sie aus, was Ihnen guttut, und berichten Sie Ihrem Arzt von Erfolgen, aber auch von Rückschlägen.“ Ein Migränetagebuch empfiehlt sie als ein gutes Werkzeug der Therapieüberwachung und -dokumentation.

Andreas Böger empfindet es vor allem als alarmierend, „dass sich die Hälfte der Betroffenen selbst mit frei verkäuflichen Schmerzmitteln behandelt. Natürlich ist der Griff zu Aspirin oder Ibuprofen naheliegend, aber leider nicht immer zielführend.“ Spezielle Migräne-Schmerzmittel, die sogenannten Triptane, wirken nach seinen Worten im Akutfall und lindern die Symptome. Andreas Böger sagt: „Die Patienten ziehen sich oft zurück in dunkle, leise Räume, manche kühlen den Kopf. Darüber hinaus hilft derzeit leider oftmals nur Abwarten, bis der Schmerz erträglicher wird.“