Offene Ohren für ein Gespräch

Im Beratungs- und Seelsorgezentrum können Menschen über ihre Ängste und Nöte, ihren Ärger oder ihre Hoffnungen sprechen – an sieben Tagen die Woche

Stille – mitten in der Stadt: Bei der Petrikirche 3, ein kleiner Raum, nur mit vier Stühlen und einem Tischchen möbliert. Von der lauten Geschäftigkeit in den Einkaufsstraßen ringsum dringt nichts durch die Fenster. An diesem Ort können die Gedanken in Worten und Sätzen ins Fließen kommen. In dem Gebäude neben der Hauptkirche St. Petri findet im Beratungs- und Seelsorgezentrum (BSZ) jeder, der möchte, in einem persönlichen Gespräch Gehör – ohne Anmeldung und überdies kostenlos. Sieben Tage in der Woche ist die offene Beratungsstelle zu bestimmten Zeiten (siehe Kasten) besetzt. In Gesprächsführung ausgebildete Berater erfüllen diese Aufgabe ehrenamtlich.

Maria Jansen ist eine von diesen Beratern und bereits seit 15 Jahren für Ratsuchende im BSZ tätig. Sie hat in dieser Zeit mit vielen Menschen gesprochen. Es mögen wohl in den 15 Jahren etwa 550 Begegnungen gewesen sein. Mitfühlende, traurige, heitere, nachdenkliche, berührende. Denn die Menschen, denen Maria Jansen gegenübersitzt, sind so unterschiedlich wie ihre Themen, die sie mitbringen: den Alltagsärger über einen Handwerker, der zweimal hintereinander trotz Termin nicht kam, den Zorn über den (Ehe-)Partner, beruflichen Ärger mit Kollegen oder dem Chef. Andere führt die Einsamkeit in die Beratung oder eine Krankheit. Zumeist sind es akute Lebenskrisen, Trennung oder Trauer. Der junge Mann, der seine Mutter, die sich getötet hatte, in der Wohnung fand.

„Für viele Menschen, die ins BSZ kommen, ist es ein Angang, etwas Persönliches zu besprechen und sich einem fremden Menschen zu zeigen“, sagt Maria Jansen. „Doch bei den Menschen ist häufig ein (Leidens-)Druck, eine Not da, die hilft, diese Scheu zu überwinden und sich anzuvertrauen.“ Es gehe in den Gesprächen, die bis zu einer Stunde dauern, nicht darum, eine konkrete Lösung zu finden, sondern darum, mit seinem Problem oder seinem Ärger da sein zu dürfen und gehört zu werden. „Wir sind für alle Themen da, die man mit einem vertrauten Gesprächspartner besprechen könnte“, sagt Jansen.

Aufgabe der ehrenamtlichen Mitarbeiter ist es, zuzuhören, das Gegenüber ernst zu nehmen und wertzuschätzen, ohne ihn oder sein Thema zu bewerten. „Dieses Beratungsangebot gibt es in Deutschland außer bei uns nicht. Jeden Tag, auch sonntags unangemeldet kommen zu können und im direkten Gespräch gehört zu werden“, sagt der Leiter des Beratungs- und Seelsorgezentrums Pastor Reinhard Dircks. Die Anonymität sei Teil des bewusst niedrigschwelligen Angebots. Weder der Ratsuchende erfährt den Namen des Beraters, noch dieser den Namen des Besuchers. Zudem sind die Gespräche vertraulich. „Der Charme unseres Hauses besteht in den qualifizierten Laien, die den Ratsuchenden unvoreingenommen begegnen, unabhängig davon, wer diese sind, woher sie kommen oder woran sie glauben“, sagt Dircks. „Die Telefonseelsorge arbeitet ähnlich.“

Die rund 150 Laienberater haben verbindliche Beratungszeiten, alle 14 Tage eine Supervision – als Qualitätsmanagement aber auch zur eigenen Stärkung. Denn, so Pastor Dircks: „Fürsorge braucht auch Selbstsorge.“ Außerdem nehmen die ehrenamtlichen Mitarbeiter mindestens einmal im Jahr an einer Weiterbildung teil. Themen sind der Umgang mit Kränkungen, mit Wut, Neid, Sucht und Psychose, die Notwendigkeit der Abgrenzung oder Seminare zur methodischen Gesprächsführung sowie zur gewaltfreien Kommunikation.

Das Ehrenamt wird geschätzt und findet Interessenten. Etwa 50 Bewerbungen für das Laienamt erhält Dircks pro Jahr. An einem Auswahlwochenende werden diese 50 Personen in Gesprächen nach bestimmten Kriterien wie Einfühlungsvermögen, Belastbarkeit, Kommunikationsfähigkeit getestet. „Sie müssen mit Menschen gut in Kontakt kommen, sich selbst reflektieren aber auch abgrenzen können“, nennt Dircks, der überdies Gestalttherapeut ist, weitere Auswahlkriterien für neue Mitarbeiter. Schließlich werden etwa 20 neue Berater pro Jahr ausgewählt, die ein Jahr lang eine intensive Schulung erfahren.

„In der Ausbildung lernen unsere Mitarbeiter das aktive Zuhören. Das ist eine Haltung, die den anderen in seiner Wirklichkeit annehmen und verstehen will: Ich höre und will verstehen, wie es für dich ist. Damit ist es zugleich eine Haltung, die nicht mit Macht dem anderen einen Weg weist, sondern darauf vertraut, dass die Lösung für einen Menschen schon in ihm schlummert“, sagt Dircks. Das Problem des Ratsuchenden werde vielleicht nicht gelöst, „aber es wird gehört, verstanden, geachtet und respektiert. Und das ist viel“. Wie alle Berater arbeiten auch die neuen später nach den Prinzipien des Gestalttherapeuten Carl Rogers, in denen es um Wertschätzung und Achtung des Gesprächspartners geht: Du bist so, wie du bist, in Ordnung. Und ich achte das, was zu sagst.

„Ich höre genau hin, nehme dabei auch wahr was der andere nicht sagt, versuche, dessen Gefühlswelt zu verstehen und gebe Resonanz“, erklärt Maria Jansen ihr Tun. Überdies gehöre dazu, Hilflosigkeit, Trauer oder Ohnmacht des Ratsuchenden auszuhalten und ihm seine Ängste nicht ausreden zu wollen.

„Meine Aufgabe ist, nichts in das Gesagte hineinzudeuten, den anderen zu begleiten und Rückmeldungen zu geben“, sagt Maria Jansen. Spüre sie Ärger und Wut beim Gesprächspartner, „so begrüße ich diese als sehr kräftiges und vitales Gefühl. In einem anderen Gespräch würdige ich vielleicht, dass derjenige zum ersten Mal im Leben einem anderen Menschen etwas anvertraut und sich geöffnet hat. Und sage dann beispielsweise: „Ich freue mich zu sehen, wie Sie sich freuen.“

Wegen der zumeist intensiven Begegnung sei eine Stunde gut und ausreichend. „Am Ende ist eine Entlastung möglich, ein Teilen von Themen und Sorgen – durch das sich Mitteilen.“ Diese ehrenamtliche Arbeit gebe auch ihr viel – ihre Sensibilität und Berührbarkeit komme bei anderen Menschen an. „Das ist sehr beglückend für mich, ein richtiger Schatz. Als Beraterin komme ich mit vielen Menschen und somit einem großen Gefühlsreichtum in Kontakt.“ Insofern ermögliche dieses Ehrenamt sogar eigenes seelisches und spirituelles Wachstum.

Wie gut das Angebot angenommen wird, zeigen die insgesamt rund 3000 persönlichen Gespräche sowie 2259 Telefonberatungen allein im Jahr 2012. Bei den persönlichen Beratungen ist der Anteil von Männern und Frauen in etwa gleich. In der telefonischen Beratung hingegen liegen Frauen mit zwei Drittel vorne. Die größte Gruppe der Ratsuchenden ist zwischen 45 und 65 Jahre alt.

„Es gibt viele Menschen, die kommen seit vielen Jahren ins BSZ und kennen mittlerweile jeden Mitarbeiter“, sagt Dircks. Manchmal verweisen diese weiter an einen der zum BSZ gehörenden 25 Fachberater, an einen Arzt oder eine Klinik – bei Suizidgefahr zum Beispiel oder wenn ein längerer Beratungsprozess oder eine Therapie sinnvoll erscheinen. Vielfach nehmen die Betroffenen diese Hilfsangebote an.

Sorge bereiten Reinhard Dircks diejenigen, „die nicht zu uns kommen“. Niemand müsse fürchten, in eine bestimmte Richtung beeinflusst zu werden. Die moderne Seelsorge verbinde humanwissenschaftliche und pastorale Gedanken miteinander, manchmal auch tiefenpsychologische oder soziologische Erkenntnisse. „Ganz wichtig ist eine Haltung, dass ich mit etwas Drittem rechne. Mit der Möglichkeit, dass eine (neue) Lebensperspektive entsteht oder der Funke von Hoffnung. Dabei muss nicht unbedingt von Gott gesprochen werden.“