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Jens Hartmann

Mit falschen oder gar keinen Auskünften machen die Russen ihrer Regierung einen Strich durch die Volkszählungs-Rechnung.

Moskau. Bei den Sergejews stand Käsesahnetorte auf dem Tisch, als der Volkszähler in den Kindergeburtstag platzte. "Wir haben dem einfach erzählt, dass alle Gäste unseres Sohnes Anatolij unsere eigenen Kinder sind. Er hat das eingetragen. Jetzt bin ich Vater einer neunköpfigen Familie und damit kinderreich", erzählt Elektroingenieur Igor Sergejew mit einem Augenzwinkern. So "ernst" wie dieser Moskauer nahmen nach Umfragen 47 Prozent der Russen die erste Volkszählung seit dem Ende der Sowjetunion. Chronisches Misstrauen gegenüber der Staatsmacht, dazu die seltene Chance, denen da oben einen Bären aufzubinden, haben die Aktion, die heute zu Ende geht, vielerorts zu einer Farce werden lassen. Bei der letzten Zählung 1989 wurden 148 Millionen Russen gezählt, heute geht man von etwa 143 Millionen aus, Tendenz abnehmend. Trotzdem wollten die Fragesteller, die sich für die Bausubstanz des Hauses, die Fremdsprachenkenntnisse seiner Bewohner, für Beschäftigungs- und Familienverhältnisse interessierten, mehr als zehn Millionen Einwohner für Moskau und damit einen Quantensprung berechnet haben. "Eine sehr zweifelhafte Zahl", sagt der Demograph Viktor Perewedenzew. Anhand von Vergleichsdaten wie der Geburten- und Sterberate komme Moskau auf "acht bis achteinhalb Millionen" Einwohner. "In Moskau wurden zwei Millionen tote Seelen gezählt", schrieb die Zeitung "Iswestija". "Tote Seelen" sammelte auch der Kollegienrat Tschitschikow in dem gleichnamigen Roman des russischen Satirikers Nikolai Gogol. Tschitschikow zog von Hof zu Hof und kaufte Namenslisten verstorbener Leibeigener, um gegenüber dem Staat finanzielle Ansprüche geltend zu machen. Ähnliches könnte auch die Stadt Moskau vorhaben. Denn in einem Zehn-Millionen-Moloch müsste der Staat mehr Kindergärten, Schulen und Wohnungen bauen. Tatsächlich gibt es, von einem politischen Auftrag einmal abgesehen, ganz profane Gründe für die fehlerhaften Angaben. Da ist zum einen die Angst vieler Einwohner, dass die Angaben an die Steuerpolizei weitergereicht werden. So ließen in den Moskauer Villenvororten viele "Neue Russen" (Neureiche) die Volkszähler gar nicht erst auf die Grundstücke. Da ist zum anderen die Enttäuschung, dass sich der Staat nie um seine Untertanen gekümmert hat und nun auf einmal etwas will. "Warum sollen wir uns zählen lassen, wenn wir nicht einmal fließend Wasser haben und die Heizung ausfällt?", wurden Volkszähler in Sibirien und im Fernen Osten gefragt. Viele der 500 000 Volkszähler fühlten sich angesichts des Salärs von 50 Euro nicht gerade motiviert. Der Job war zudem nicht ungefährlich. 200 Fragesteller wurden verletzt. Mehrere Dutzend Überfälle, zwei Vergewaltigungen und fast 100 Hundebisse meldete die Polizei. So war es durchaus üblich unter Volkszählern, die Formulare nach eigenem Gutdünken auszufüllen. Sensationelle Ergebnisse brachte die Zählung in der Krisenregion Tschetschenien. Dort soll die Bevölkerung seit Kriegsausbruch vor drei Jahren auf 1 088 816 Menschen um 300 000 Einwohner angewachsen sein. Dabei hatte die Region einen Aderlass durch Zehntausende Kriegstote und Hunderttausende Flüchtlinge zu verkraften. Die Menschenrechtsorganisation "Memorial" sah denn auch in der "Zahlentrickserei" den Versuch, Normalität in einer Region, die sich faktisch im Ausnahmezustand befindet, vorzutäuschen. Die 180 Millionen Euro teuren, dubiosen Datensätze, auf deren Basis der Kreml für das kommende Jahrzehnt planen will, sollen bis 2003 ausgewertet sein.

( SAD )

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