Palastrevolte gegen den Papst

Vor dem Rücktritt? Innerhalb der Kirchenregierung regt sich immer mehr Widerstand gegen Johannes Paul II.

Vatikanstadt. Der Vatikan schließt den Rücktritt von Papst Johannes Paul II. nicht mehr aus. Alle Anzeichen deuten auf eine regelrechte Palastrevolte gegen den greisen und durch Krankheit geschwächten Papst. Zunächst hatte Kardinal-Staatssekretär Angelo Sodano (77) über einen Rücktritt des Papstes spekuliert. Sodano, "Nummer zwei" im Kirchenstaat, sagte auf Fragen nach einem freiwilligen Amtsverzicht: "Das wollen wir dem Gewissen des Papstes überlassen. Er weiß, was zu tun ist." Bisher hatte er einen eventuellen Rücktritt des Papstes stets kategorisch ausgeschlossen.

Gestern häuften sich dann die Stimmen aus dem Vatikan, die indirekt einen Rücktritt des Papstes forderten. Ein Papst, der keinen Schritt mehr gehen und nur unter großen Mühen wenige Worte sprechen kann, scheint vielen Kurienkardinälen nicht mehr tragbar für die katholische Kirche.

Johannes Paul II. schloß bisher einen Rücktritt aus. Im Vatikan ist kein Platz für einen zweiten Papst, sagte er mehrfach. Nach der Glaubensdoktrin der katholischen Kirche wählt der Heilige Geist, also Gott, den Nachfolger Petri aus. Ein Rücktritt erscheint dem Papst wie eine Mißachtung des Willens Gottes. "Der Herr wird wissen, wann er mich abberufen muß", sagte Johannes Paul II. häufig.

Doch innerhalb der Kirchenregierung regt sich immer mehr Widerstand gegen den Papst. Das Hauptproblem besteht darin, daß ein Papst keinen Stellvertreter hat. Er muß alle wichtigen Entscheidungen selbst treffen. So kann nur ein Papst die Bischöfe der weltweit etwa 4000 Diözesen ernennen. Auch eine Selig- oder Heiligsprechung kann nur ein Papst persönlich vornehmen, ebenso die wichtigsten Segen, wie den "urbi et orbi"-Segen zu Weihnachten und Ostern. Zudem muß ein Papst pro Woche mindestens zwei Pflichttermine absolvieren. Er muß das Angelus-Gebet am Sonntag mittag beten, und er muß die Generalaudienz am Mittwoch morgen absolvieren. Hinzu kommen die "ad limina"-Besuche. Alle Bischofskonferenzen der Welt müssen im Abstand von vier oder fünf Jahren in den Vatikan kommen, um mit dem Papst den Zustand ihres Landes zu diskutieren. Ein Papst, der kaum mehr als ein paar Worte sprechen kann, scheint dazu nicht mehr in der Lage.

Außerdem muß der Papst unbedingt zwischen dem 16. und 21. August zum Weltjugendtag nach Köln reisen. Eine Absage der Reise wegen seiner großen Schwäche würde eine Katastrophe bedeuten. Mehr als eine Million Jugendliche wollen nach Köln strömen, um dort mit dem Papst die Messe zu feiern. Wenn er nicht kommt, werden nicht einmal zehn Prozent der Jugendlichen erwartet.

Gleichzeitig erlebt die katholische Kirche eine seltsame Tendenz: Der greise Papst erregt mehr Medieninteresse denn je. Die Weihnachtsbotschaft sahen erstmals mehr als eine Milliarde Zuschauer. Alle Mächtigen der Welt bemühen sich um einen Termin beim Papst. Die Zahl der gläubigen Katholiken nimmt weltweit erstmals wieder stark zu. US-Präsident George W. Bush nannte den Papst mehrfach die weltweit bedeutendste moralische Autorität. Der Iran bot dem Vatikan Verhandlungen auf religiöser Basis an, um den drohenden Konflikt zwischen Muslimen und Christen auf der Welt zu entschärfen.

Je weniger der Papst sprechen kann, desto mehr scheint die Welt gewillt, ihm zuzuhören. Ein Rücktritt des Papstes scheint daher unwahrscheinlich. Aber Karol Wojtyla zog dramatische Konsequenzen aus der Palastrevolte gegen ihn. Er lehnt es ab, in seinem Apartment im Vatikan Geräte für die Notfallmedizin installieren zu lassen, die bei akuten Krisen sein Leben verlängern könnte. Der Papst will das nicht. Der Marathonmann Gottes weiß, daß ihm jetzt die letzte große Reise bevorsteht, und er hat keine Angst davor.