Bundestagswahl

„Hodentöter“ – so rau ging es im Wahlkampf früher zu

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Miguel Sanches
Scholz setzt auf Rot-Gün - Söder warnt vor "Linksrutsch"

Scholz setzt auf Rot-Gün - Söder warnt vor Linksrutsch

SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz hofft auf eine Mehrheit für eine rot-grüne Koalition nach der Bundestagswahl - auch wenn es für eine Zweier-Koalition derzeit keine Mehrheit gibt. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) warnte angesichts schlechter Umfrageergebnisse der Union vor einem "Linksrutsch".

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Die SPD fühlt sich von der Union diffamiert. Politisch korrekt waren Wahlkämpfe selten, sondern manchmal richtig übel. Ein Rückblick.

Berlin. Wahlkampf kommt von Kampf, seit jeher nichts für Mimosen. Es ist kein Wunder, dass die SPD über den jüngsten Vorwurf von Unionsspitzenkandidat Armin Laschet empört ist, wonach die Sozialdemokraten in allen Entscheidungen der Nachkriegsgeschichte zur Wirtschafts- und Finanzpolitik immer auf der falschen Seite gestanden hätten.

Denn: In den 16 Jahren der Regierungszeit von Angela Merkel (CDU) herrschte überwiegend ein anderer, ruhigerer Umgangston, auch im Wahlkampf.

Jahrzehntelang war es anders. Die „Roten“ und die „Schwarzen“, das waren erbitterte Revierfeinde. Im Parlament gehörten Killerphrasen zum Alltag, in Wahlkampfzeiten wurde es mitunter bitterböse, unfair, persönlich herabwürdigend, schlicht diffamierend – ein kleiner Rückblick.

CDU-Chef Konrad Adenauer sprach in den 50er- und 60er-Jahren von Willy Brandt „alias Herbert Frahm“ – eine üble Anspielung auf den unehelich zur Welt gekommenen SPD-Mann, der zunächst Herbert Frahm hieß. Subkutan war Adenauers eigentliche Botschaft, dass ein uneheliches Kind als Kanzler gänzlich ungeeignet wäre. Das war in den 50er-Jahren ein Argument, das durchaus verfing.

Dem späteren Kanzler wurde überdies zum Vorwurf gemacht, dass er während der Nazi-Diktatur nach Norwegen flüchtete und in den Widerstand ging. 1961 stellte der damalige CSU-Chef Franz Josef Strauß subtil fest: „Eines aber wird man Herrn Brandt doch fragen dürfen: Was haben Sie zwölf Jahre lang draußen gemacht?“

Überhaupt Strauß – eine absolute Reizfigur für die Linken. Das gilt auch für den damaligen CDU-Generalsekretär Heiner Geißler. Noch Mitte der 80er-Jahre beschimpfte er die Sozialdemokratie als „Fünfte Kolonne Moskaus“ und die Grünen als „Volkssturm der SPD“. Brandt nannte Geißler daraufhin den „größten Hetzer seit Goebbels“.

Kanzler Helmut Kohl wurde als „Birne“ verspottet. Im Wahlkampf 1990 parodierte der SPD-Kanzlerkandidat Oskar Lafontaine ihn auf den Marktplätzen wegen seines pfälzischen Idioms. Lafontaine sagte „Vanille“ für Familie.

Im 1994er-Wahlkampf wurde SPD-Chef Rudolf Scharping als „Ziege“ verspottet. Weil er Bart trug, verteilte die Junge Union Rasierklingen „für eine Politik ohne Bart“.

Der heutige Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble hat eine Zeit lang den Plenarsaal im Bundestag verlassen, wann immer SPD-Fraktionschef Hans-Jochen Vogel das Wort ergriff. „Dieser Mann“, hatte Vogel gesagt, „ist unter dem Eindruck seiner Behinderung sehr hart geworden, manche meinen sogar böse.“ Schäuble sprach vom „Schäbigsten, was mir jemals in der Politik passiert ist“.

Merkel vermied Angriffe auf den Gegner – ganz schön hinterlistig

Jürgen Todenhöfer, einst Abgeordenter der CDU, heute mit einem eigenen Team bei der Bundestagswahl kandidierend, wurde von SPD-Fraktionschef Herbert Wehner „Hodentöter“ genannt. Über den FDP-Politiker Martin Lindner lästerte die SPD-Frau Barbara Hendricks, er sei der „berühmteste Eierkrauler dieses Parlaments“.

Etwas Vergleichbares wäre Merkel nicht über die Lippen gegangen. 2005 kam sie an die Macht und vermied in Wahlkämpfen fortan Kontroversen. Zum Kalkül gehörte, alles zu vermeiden, was Anhänger anderer Parteien mobilisieren könnte, zum Beispiel Angriffe. Ganz schön hinterlistig, oder?

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