Asylbewerberunterkünfte

Brandanschläge: „Ein Zufall, dass keiner gestorben ist“

Ein Feuerwehrmann löscht die Reste eines Feuers in Rottenburg (Baden-Württemberg)

Ein Feuerwehrmann löscht die Reste eines Feuers in Rottenburg (Baden-Württemberg)

Foto: RALPH ORLOWSKI / REUTERS

Rainer Wendt, der Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft, ist besorgt. Fast jede Nacht geht eine Unterkunft in Flammen auf.

Berlin. Fast jede Nacht gibt es in Deutschland Anschläge auf Flüchtlingsheime. Die Ermittler gehen meistens von einem rechtsextremen Hintergrund aus. So auch beim Brand einer künftigen Asylbewerberunterkunft in Ebeleben in Thüringen am Montagmorgen, bei dem niemand verletzt wurde. Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) sprach von einem feigen Anschlag. Wer glaube, Häuser anstecken zu müssen, unterscheide sich nicht von Terroristen in den Ländern, aus denen die Flüchtlinge kämen, sagte er.

In Rottenburg in Baden-Württemberg brach ein paar Stunden zuvor ein Feuer in einem mehrstöckigen Wohncontainer aus. Menschen sprangen aus den Fenstern, zwei zogen sich Knochenbrüche zu. Drei Bewohner atmeten Rauchgas ein. Die Brandursache ist noch unklar. Die Staatsanwaltschaft schließt einen rechtsextremen Anschlag nicht aus.

In den 90er-Jahren starben Asylbewerber bei Anschlägen

Für Rainer Wendt, den Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft, ist es angesichts der vielen Anschläge auf Flüchtlingsheime nur ein „Zufall, dass noch niemand gestorben ist“. Die Bilder der ausgebrannten Flüchtlingsheime erinnern ihn an die Anschläge Anfang der 90er-Jahre. Damals starben Menschen, zum Beispiel in Solingen. Wendt fordert im Gespräch mit dieser Zeitung mehr private Sicherheitsdienste vor den Flüchtlingsheimen und moderne Überwachungskameras, um die Täter zu schnappen. Bisher gibt es keine Hinweise auf organisierte Terrorgruppen, die Heime anzünden. Doch Wendt ist besorgt: „Wir müssen alles dafür tun, damit es in Deutschland keinen neuen NSU gibt.“

Manche Unterkünfte werden bereits von der Polizei bewacht. Doch es gebe zu viele Flüchtlingsheime, um alle zu schützen, sagt Wendt. Der Personalhaushalt der Polizei sei auf Kante genäht. „Wir können halt nicht überall sein“, sagt Wendt. Der Polizeigewerkschafter begrüßt zwar, dass Union und SPD sich auf dem Koalitionsausschuss entschlossen haben, 3000 neue Stellen bei der Bundespolizei zu schaffen. Doch er fordert: Auch die Länder müssen investieren – und 10.000 Planstellen für Polizisten einrichten.

Burkhard Lischka, innenpolitischer Sprecher der SPD, nennt Anschläge auf Flüchtlingsunterkünfte „feige“. Der Polizei der Länder müssten die Sicherheit von Flüchtlingsheimen gewährleisten, sagt Lischka dieser Zeitung. Laut Irene Mihalic, Innenexpertin der Grünen, ist die Polizei „sehr gefordert, Hinweisen nachzugehen und den Schutz für die Flüchtlinge zu verbessern“.